Firmen, Köpfe, Unternehmen, Markt, Hintergrund

www.wrp-interview.de

Zöllner

„Die Hygiene steht stärker im Fokus als je zuvor“

Die Firma Zöllner ist Spezialist für das Hygienemanagement in industriellen Wäschereien. Welche Rolle spielt Hygiene in den Betrieben in der heutigen Krisenzeit, welche Rolle wird sie zukünftig einnehmen ? „Die Hygiene steht stärker im Fokus als je zuvor“, sagt Jennifer Stevens, Vertriebsleitung Zöllner. „Und eine gewisse Grundsensibilität dazu wird in der Bevölkerung sicherlich noch sehr lange anhalten.“

Jennifer Stevens
Jennifer Stevens ist Vertriebsleiterin bei der Firma Zöllner. Sie ist seit 2012 im Unternehmen. Jennifer Stevens ist aus­gebildete Industriekauffrau, staatlich anerkannte Desinfektorin und Fachberaterin für das wfk-Siegel für Textilhygiene.
WRP: Welche Bedeutung haben Hände- und Flächendesinfektion, Personalhygiene und -schutz in den Wäschereien in Zeiten der Corona-Pandemie ?

Jennifer Stevens: Die Hygiene spielt in den industriellen Wäschereien generell eine sehr wichtige Rolle, in dieser Krisenzeit umso mehr. Bei manchen Kunden ist der Bedarf an Desinfektionsmitteln und Personalschutz um das zehnfache gestiegen. Zum Beispiel desinfizieren die Servicefahrer der Wäschereien heute weitaus mehr als früher. Dies ist zum Teil aus einer Vorsicht getrieben und weil das Händewaschen im Lieferfahrzeug schwer umsetzbar ist. Ebenso ist das Personal in den Betrieben viel acht­samer als in normalen Zeiten, alle sind durch das Corona­virus auf das Thema Hygiene sensibilisiert. Oberstes Gebot ist sich selbst sowie andere zu schützen und letztendlich auch die Produktion im Betrieb aufrecht zu erhalten. Es wäre fatal, wenn in der Wäscherei ein Mitarbeiter positiv auf den Virus getestet werden würde. Dann droht die Stilllegung der Produktion beziehungsweise der ganzen Wäscherei.

WRP: Wäschereien im Gesundheitsbereich müssen jetzt zum Teil noch mehr leisten. Gleichzeitig ist weltweit die Versorgung mit Desinfektionsmitteln, Schutzanzügen und Mund-Nase-Schutzmasken mindestens problematisch. Welche Produkte kann Zöllner in die Wäschereien liefern, wo sind die Engpässe ?

Jennifer Stevens: Bereits Anfang Januar schrieben wir unsere Kunden an, weil wir ahnten, was auf uns zukommt. Manche Betriebe haben daraufhin reagiert und sich ausreichend bevorratet. Andere haben die Empfehlung nicht so ernst genommen – und sind prompt in einen Engpass geraten.

Auch wir hatten im Februar des Jahres für rund 2 bis 3 Wochen Lieferschwierigkeiten, können seitdem unsere Kunden aber wieder voll versorgen. Das gilt sowohl für unseren Sortimentsbereich physikalische Desinfektion – UV-C Technik –, als auch für unsere chemischen Desinfektionsmittel für Hände und Flächen sowie Schutzhandschuhe. Allerdings haben wir bisher keine Schutzanzüge sowie Mund-Nase-Schutzmasken im Portfolio. Das wird sich zeitnah ändern, wir suchen hier entsprechende Kooperationspartner.

Wir bieten unseren Kunden weiterhin Hygieneberatungen und -schulungen an. Diese finden zur Zeit per Videokonferenz statt. Das Format der digitalen Schulungen wird – auch bedingt durch die Corona-Pandemie – in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Kurz gesagt, wir unterstützen unsere Kunden nach wie vor in allen Hygiene­themen, denn der Pandemie-Stachel sitzt diesmal sehr tief.

WRP: Versorgungsengpässe führen im Markt oft zu phantasievollen Preiserwartungen. Beispielhaft ist dies jetzt zu beobachten bei den Mund-­Nase-Schutzmasken. Wie sieht‘s im Bereich der Desinfektionsmittel aus ?

Jennifer Stevens: Auch dieser Rohstoffmarkt ist völlig verrückt geworden. Die Preise haben sich teils vervierfacht. Eine schnell und extrem gestiegene Nachfrage stößt auf ein viel zu geringes Angebot. Die Situation hat sich ein bisschen entspannt, weil durch die Ausnahmezulassung für die Herstellung von Desinfektionsmitteln auf Basis der WHO-Rezeptur der Druck aus diesem Markt genommen wurde. Aber noch immer sind die Preise für Desinfektionsmittel hoch.

Wir haben mit der WHO-Rezeptur bis dato sehr gute Erfahrungen gemacht. Hier ist ganz wichtig, auf Qualität und Reinheit der Produkte zu achten. Außerdem empfehlen wir, bei Nutzung von Desinfektionsprodukten nach WHO-Rezeptur Hautschutzcremes zu verwenden, um die notwendige Pflege der Haut zu gewährleisten. In den WHO-Rezepturen sind keine hautpflegenden Substanzen enthalten. Hier können auch Rohstoffe mit zum Beispiel minderwertiger Ethanol-Qualität zum Einsatz kommen, die zum Teil fürchterlich riechen und die Haut regelrecht austrocknen. Deshalb sind in der längerfristigen Perspektive entsprechende dermatologische Probleme zu erwarten. Zum Teil werden auch Substanzen wie Chloramin T verwendet. Das Produkt ist aufgrund akuter oder chronischer Gesundheitsgefahren äußerst umstritten und darf heute zum Einsatz kommen, nur damit man überhaupt noch desinfizieren kann.

Es ist schon bemerkenswert, wer in dieser Krise alles Desinfektionsmittel herstellt: angefangen von der Schnapsbrennerei, über Apotheken bis hin zur Großchemie. Viele dieser Firmen hatten bisher nichts zu tun mit solchen Produkten. Es war nur wichtig, den Markt einigermaßen zu beruhigen.

WRP: Sind durch den Coronavirus die Hygienemaßnahmen in den Wäschereien ihrer Kunden verschärft worden ?

Jennifer Stevens: Das war nicht notwendig, der Hygienestandard in diesen Wäschereien ist hoch. Der Fokus der Betriebe lag und liegt vielmehr darauf, in dieser Krise genügend Desinfektionsmittel, Schutzanzüge und Mund-Nase-Schutzmasken einsetzen zu können.

WRP: Welche Mittel sind geeignet für chemische Desinfektionsmaßnahmen im Zusammenhang mit dem Coronavirus ?

Jennifer Stevens: Laut RKI* sind jetzt zur chemischen Desinfektion Mittel mit nachgewiesener Wirksamkeit mit dem Wirkungsbereich „begrenzt viruzid“, „begrenzt viruzid Plus“ oder „viruzid“ anzuwenden. Geeignete Produkte sind in der RKI-Liste – hier finden sich die vom RKI geprüften und anerkannten Desinfektionsmittel und -verfahren sowie in der Desinfektionsmittelliste des VAH** aufgeführt.

WRP: Welchen Stellenwert haben diese Anwendungsvorschriften heute in der durch den Virus verursachten nicht optimalen Versorgungssituation ?

Jennifer Stevens: Hier gehen die Positionen stark auseinander. Die seit Jahren etablierten Anbieter am Markt mussten natürlich sehr viel Geld, Zeit und Aufwand investieren bis ihre Produkte die entsprechenden Listungen nach RKI oder VAH bekamen.

Die Anwendungsvorschriften sind durch die Einführung der WHO-Rezeptur ein bisschen ausgehebelt. Natürlich ist auch ein Desinfektionsprodukt nach WHO-Rezeptur safe. Durch die Ausnahmezulassung tummeln sich jetzt aber viel mehr Firmen im Desinfektionsmittelsegment, dies führt zwangsläufig zu einer Marktverzerrung und entsprechenden Irritationen. Nun scheint sich die Spreu vom Weizen zu trennen und es kann wieder auf bewährte Produkte mit entsprechender Zertifizierung nach RKI- und VAH-Listung zurückgegriffen werden. Zudem ist die WHO-Rezeptur zeitlich begrenzt, vermutlich bis Ende 2020. Spätestens dann wird sich die Situation konsolidieren.

Auf der anderen Seite sollte man sich vielleicht auch an die relevanten Forschungsinstitute und Verbände wenden, damit die WHO-Rezeptur auch nach der Krisenzeit Bestand hat. Denn deren Wirkung ist unbestritten. Dies würde auch aus preislicher Hinsicht unseren Kunden sehr zugute kommen. Für uns stellt sich hier die Frage, welchen Nutzen die Zertifizierungen dann überhaupt noch haben, außer den Wettbewerbsvorteilen.

WRP: Eines der wichtigsten Werkzeuge im Hygienemanagement ist die Händedesinfektion. Unterschieden werden hier die normale, hygienische und chirurgische Methode. Welche kommt bei ihren Kunden in den Wäschereien zum Einsatz ?

Jennifer Stevens: Für unsere Branche ist die hygienische Händedesinfektion maßgeblich. Sie ist unser Standard und auch zentraler Inhalt unserer Schulungen. Bei der hygienischen Händedesinfektion werden eigene und fremde Keime eliminiert. Erreicht wird dies einmal durch die Einhaltung der Einwirkzeit – in den meisten Fällen 30 Sekunden – und durch die Berücksichtigung der sechs Schritte der Händehygiene.

Auch wenn heute alle nur vom Desinfizieren reden – eine hohe Hygienesicherheit in den Wäschereien fängt schon beim Händewaschen an. Das Händewaschen ist auch ein probates Mittel, um sich zu schützen. Man muss wissen, dass rund 80 Prozent aller krank machenden Keime ausschließlich über die Hände übertragen werden. Auf der Hand sind Keime erst noch ungefährlich. Aber wenn diese keimbelastete Hand das Gesicht berührt, dann können Erreger über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen. Deshalb sagen wir in unseren Schulungen immer wieder: Hände weg vom Gesicht.

WRP: Bei welchen Gelegenheiten soll in der Wäscherei eine hygienische Händedesinfektion stattfinden ?

Jennifer Stevens: Immer nach Bedarf. Grundsätzlich ist die hygienische Händedesinfektion in der Wäscherei angesagt vor dem Arbeitsbeginn, vor und nach den Pausen, nach Reinigungs- und Schmutzarbeiten, nach Toilettenbenutzung und auch dem Naseputzen. Und vor dem An- und nach dem Ablegen von Schutzhandschuhen. Auch das beste Produkt bietet keinen 100-prozentigen Schutz. Durch Mikrorisse in den Handschuhen können Erreger von den Händen des Personals auf die Wäsche gelangen, genauso umgekehrt.

WRP: Was sind die Grundregeln bezüglich Flächendesinfektion ?

Jennifer Stevens: Es gibt drei Grundregeln. Wenn bei der Flächendesinfektion ein Konzentrat und kein fertiges Produkt eingesetzt wird, dann muss unbedingt das Verhältnis Produkt und Wasser exakt sein. Stimmt die Verdünnung nicht – ist das Flächendesinfektionsmittel zu schwach dosiert – werden nicht alle Keime abgetötet. Eine Überdosierung kann dagegen zu Schmierfilmen und Materialunverträglichkeiten führen.

Die behandelte Fläche muss selbstständig abtrocknen, erst dann ist eine Desinfektion in diesem Bereich gewährleistet. Flächendesinfektionsmittel benötigen eine gewisse Zeit, um Mikroorganismen abzutöten beziehungsweise zu inaktivieren.

Um Desinfektionslücken zu vermeiden, muss das Produkt möglichst gleichmäßig und flächendeckend auf die zu desinfizierende Fläche aufgebracht werden. Deshalb gilt es, vorher grobe Verschmutzungen durch eine Reinigung zu beseitigen.

WRP: Die Firma Zöllner setzt bei der Desinfektion sowohl auf Chemie als auch UV-C Technik. Profitiert die UV-C Technik vom Coronavirus ?

Jennifer Stevens: Natürlich profitiert die UV-C Technik davon, aber ausschließlich im Bereich der Flächendesinfektion auf harten Oberflächen und bei der Wäsche. UV-C Desinfektion ist für die Hände beziehungsweise die Haut nicht geeignet.

Wir haben in dieser Krisenzeit erste Betriebe als Kunden gewonnen, die ihre Wäsche am Schluß einer sehr effizienten UV-C Behandlung auf dem Förderband unterziehen. Dieses Konzept praktizieren Lebensmittelbetriebe schon seit Jahren erfolgreich. In China werden inzwischen auch schon Banknoten durch UV-C Schleusen gefahren, um eventuell darauf vorhandene Keime zu eliminieren.

Bei der UV-C Desinfektion sind bis dato keine Resistenzen gegenüber Keimen und Viren bekannt. Auch die Luft kann durch UV-C Technik desinfiziert werden, das ist mit Chemie kaum möglich.

Inzwischen bekommen wir täglich Anfragen bezüglich UV-C Desinfektion. Auch aus Industriezweigen, zu denen wir noch nie Kontakt hatten. Zum Beispiel von Medizintechnikherstellern, sogar von Vertretern aus der Flugzeugindustrie. Ein namhafter Hersteller von Beatmungsgeräten ist an uns herangetreten, mit ihm haben wir ein sehr aussichtsreiches Projekt gestartet.

WRP: Wird das Thema Hygiene in der Branche nach der Corona-Pandemie weiter an Bedeutung gewinnen ?

Jennifer Stevens: Wir bei Zöllner sind fest überzeugt, dass eine Grundsensibilität bei der Hygiene in der Bevölkerung noch jahrelang anhalten wird. Wie schon erwähnt sitzt der Stachel diesmal sehr tief und damit ist die Hygiene sicherlich stärker im Fokus als je zuvor. Der aktuell hohe und übertriebene Verbrauch an Desinfektionsmitteln wird sich sicher abschwächen, die Hamsterkäufe werden zurückgehen. Dennoch wird der Desinfektionsmittelverbrauch ingesamt deutlich höher sein als in den Jahren zuvor.

Die Bedeutung der Hygiene wird auch im persönlichen Umfeld für viele Jahre eine neue Dimension erreichen – wir sind darauf vorbereitet.

Zu dieser Sensibilisierung tragen auch Politik sowie Medien bei. Die Wäschereien können sich auch eine zweite Corona-Welle oder ähnliches nicht leisten, das wäre für manche Unternehmen vermutlich das Ende. Wir gehen davon aus, dass aufgrund der anhaltend wachsenden Bevölkerung noch ganz andere Epidemie- beziehungsweise Pandemie-Wellen auf uns zukommen werden. Man muss sich nur die Weltbevölkerungsuhr anschauen. Täglich wächst diese Zahl um circa 120.000 Menschen. Aktuell sind wir bei rund 7,8 Milliarden Menschen, im Jahr 1960 waren es noch 3 Milliarden Menschen. Das heißt, in 60 Jahren ein Zuwachs von 4,8 Milliarden Menschen. Dies macht schon nachdenklich – nicht nur in Sachen Hygiene, sondern auch in punkto Klimaschutz, C02-Ausstoß etc.

WRP: Wäschereien gelten heute aus der Perspektive der Bundespolitik als nicht systemrelevant, obwohl sie eine sichere und verlässliche Wäscheversorgung der Krankenhäuser gewährleisten. Wie ist die Position der Firma Zöllner dazu ?

Jennifer Stevens: Wäschereien, die Krankenhäuser beziehungsweise das Gesundheitswesen versorgen, sind definitiv systemrelevant. Diese Bedeutung ist auf Bundesebene noch nicht anerkannt, aber schon auf Landes- und Kommunal­ebene. Uns liegen dazu auch entsprechende Zertifikate von unseren Kunden vor. Unserer Meinung nach sind Wäschereien allgemein als systemrelevant anzusehen. Sie bereiten Textilien prinzipiell in einem hygienischen Zustand auf und dienen zur Aufrechterhaltung von unserem System. Wir unterstützen unsere Kunden bei der Aufgabe Hygiene wo wir können und in allen Bereichen. Wir liefern nicht nur Produkte, sondern bezeichnen uns als branchenspezifischen Dienstleister.

Interview aus WRP 05-2020