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Multitex Maschinenbau

Reinigen mit einem sterilisierten Lösemittel

Filter- und Ozonsystem sowie UV-Sterilisation – die Firma Multitex Maschinenbau in Rottenburg setzt bei ihren Reinigungsmaschinen auf verschiedene Maßnahmen, um ein nicht nur reines, sondern steriles Lösemittel zu erzielen. „Das sorgt auf der gereinigten Ware für eine außerordentlich niedrige Keimbelastung, die im Ergebnis einem Wäschedesinfektionsverfahren entspricht“, berichtet Joachim Biesinger, geschäftsführender Gesellschafter Multitex Maschinenbau.

Joachim Biesinger
Joachim Biesinger ist seit der Gründung von Multitex Maschinenbau in Rottenburg Geschäftsführender Gesellschafter des Unternehmens. Der Diplom-Ingenieur studierte in Esslingen Maschinenbau, ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Reinhard Biesinger
Reinhard Biesinger ist Projektleiter und Verfahrenstechniker bei Multitex Maschinenbau. Biesinger startete seine Laufbahn 1984 in der Firma FM-Filtermaschinenbau, die Pumpen, Filter und Destillationsanlagen fertigt. Im Jahr 1991 gründete er zusammen mit seinem Bruder Joachim die Multitex GmbH. Reinhard Biesinger ist verheiratet und hat zwei Söhne.
Die Keimreduzierung ist enorm, bei Abklatschproben in Praxistests lag sie bei 10 -7.
Die UV-Sterilisation ist während des Reinigungsprozesses aktiv.
Multitex ist immer offen für neue Lösemittel und Verfahren und entwickelt dafür die passende Maschinentechnik.
WRP:Multitex-Kunden können ihre Maschinen auf Wunsch ab sofort mit einer UV-Sterilisation ausstatten. Warum diese Option, was leistet das System?

Joachim Biesinger: Dank der UV-Sterilisation in einer Multitex-Maschine kann der Textilreiniger in jeder Hinsicht ein außerordentlich gutes Ergebnis erzielen. Denn gereinigte Ware kommt nicht nur sauber, sondern auch hygienisch einwandfrei aus der Maschine. Die Keimreduzierung ist durch die UV-Sterilisation sowie weiterer Maßnahmen enorm, bei Abklatschproben in Praxistests lag sie bei 10 -7. Dies entspricht im Ergebnis einem Wäschedesinfektionsverfahren.

Horst Lange: In der Regel wird Wäsche aus Altenheimen gewaschen. Verantwortlich dafür ist die Wäscherei, die als Dienstleister das Altenheim versorgt beziehungsweise die Wäscherei im eigenen Haus. Nun sind diese empfindlichen Textilien der Bewohner in einer Textilreinigungsmaschine besser aufgehoben als in einer Waschmaschine. Zum Beispiel der schicke Kaschmirpullover. Wenn er dreimal in der Wäscherei war, dann ist dieser Pullover nur noch ein Brett. Zu heiß gewaschen, dann verfilzt – ich finde das ist unmöglich. Jetzt kann dieser Pullover schonend gereinigt werden. Und zwar so, dass danach ein Desinfektionsergebnis wie nach einem desinfizierenden Waschverfahren erreicht wird.

WRP:Wie funktioniert die UV-Sterilisation?

Lange: UV-Licht beziehungsweise -Sterilisation kommt in der Industrie seit vielen Jahren zur Desinfektion und Keimreduzierung zum Einsatz, zum Beispiel im Lebensmittelbereich. Wir haben diese Technologie für unsere Anforderungen adaptiert und können jetzt Keime und Bakterien im Lösemittel zuverlässig reduzieren, um die Hygiene zu verbessern.

WRP:Wurde das Lösemittel in ihren Reinigungsmaschinen nicht schon früher sterilisiert?

Joachim Biesinger: Das ist richtig. Auch unsere Lösemittel Protection schützt das Lösemittel in der Reinigungsmaschine vor Bakterien und Verunreinigungen. Es arbeitet mit Ozon. Dieses Gas ist äußerst reaktiv und wirkt stark keimtötend. Es oxidiert organische Stoffe und baut zum Beispiel Fette und andere geruchstragende Substanzen ab. Die Lösemittel Protection steht als Zusatzausrüstung bei neuen Reinigungsmaschinen zur Verfügung und kann auch bei Gebrauchtmaschinen nachgerüstet werden.

Die Lösemittel Protection ergänzt das Filtersystem in unseren Maschinen, das für ein sauberes Lösemittel sorgt. Hier kommen Bleicherde, ein Mehrschichtsilikat und ein spezieller Schleuderfilter zum Einsatz. Das Filtersystem gewährleistet, dass keine Fette, Farbstoffe, Verfärbungen und gelöster Schmutz die Garderobe erreichen. Wir arbeiten mit einem sehr feinen Filter mit einer Feinheit von einem µ. Dieser garantiert ein klares Lösemittel und schützt beim Reinigen vor der Rückvergrauung.

Reinhard Biesinger: Man muss das Ganze als ein System betrachten. Das Filtersystem, die Lösemittel Protection und die UV-Sterilisation sorgen im Zusammenspiel für ein optimales sicheres Reinigungsergebnis und eine effektive Entkeimung. Die Lösemittel Protection funktioniert nicht in dem Vakuum, das für den Reinigungsprozess in unseren Maschinen notwendig ist. Dann versagen die Pumpen, die das Ozon fördern sollen. Deshalb geben wir das Ozon-Gas nach dem Reinigen, wenn also Ent- und Beladen wird, dem Lösemittel zu. Es verteilt sich im Lösemittelkreislauf in der Maschine und entkeimt die Filteroberfläche und den Tankinhalt.

Dagegen ist die UV-Sterilisation während des Reinigungsprozesses aktiv. Alle Mikroorganismen, die bis dahin im Lösemittel überlebt haben, werden jetzt beseitigt. Erst dann kommt das sterilisierte Lösemittel in der Trommel auf die Ware.

Horst Lange: Bisher sind einige Maschinen mit der UV-Sterilisation ausgestattet worden. Im Verlauf der Entwicklung und der Testphasen konnten wir das System und damit die Ergebnisse weiter verbessern. Heute funktioniert die UV-Sterilisation ohne Probleme und liefert verlässliche Resultate.

In allen Maschinen, die ich bisher ausgeliefert habe, ist das Protection-System installiert. Auch dieses erledigt seine Aufgabe sehr gut. Wir haben vor fünf Jahren eine Multitex-Maschine in einem Betrieb in Ludwigsburg aufgestellt. Bei dieser Maschine sollten vor rund einem Jahr die Tanks sauber gemacht werden. Was kann sich hier in einem Zeitraum von vier Jahren für Dreck ansammeln? Es war aber nichts zu finden – weil die Maschine immer mit Ozon gereinigt wird.

WRP:Früher gab es immer wieder Vorwürfe an die Adresse von Multitex, dass eine Textilreinigungsmaschine ohne Destillation keine guten Ergebnisse liefern kann...

Lange: Man muss ganz einfach das Lösemittel in einer Multitex-Reinigungsmaschine und die Reinigungsqualität anschauen. Das widerlegt alle Vorwürfe.

WRP:Ende letzten Jahres hat die Firma Multitex ihr 25-jähriges Bestehen gefeiert. Wenn sie zurückblicken: Was waren die wichtigsten Stationen?

Joachim Biesinger: Mein Bruder und ich haben die Firma Multitex im Jahr 1991 gegründet. Die Wurzeln des Familienbetriebes reichen aber weiter zurück. Unser Vater Erwin Biesinger ging bereits 1964 in Rottenburg mit der Firma Seco in den Markt, die sich schnell erfolgreich entwickelte. Bis zu 70 Textilreinigungsmaschinen wurden im Monat verkauft, im Werk zu Spitzenzeiten bis zu 180 Mitarbeiter beschäftigt. In dieser Zeit zählte Seco zu den größten Arbeitgebern in Rottenburg.

Im Jahr 1989 wurde die Firma verkauft, 18 Monate später musste der neue Besitzer Konkurs anmelden. Eine Reihe von Investoren kamen, schließlich drängten uns Kunden, eine neue Firma zu gründen. 1991 war es soweit. Bis 1994 bauten wir KWL- und Per-Maschinen. Danach konzentrierte sich Multitex auf KWL- und heute vorwiegend auf Silikon- sowie Higlo- und Intense-Reinigungsmaschinen.
Reinhard Biesinger: Nach der 2. BimSchV im Jahr 1995 brach der deutsche Reinigungsmaschinenmarkt zusammen, schließlich hatten alle Betriebe in neue Maschinentechnik investiert. Deshalb war es für unser Unternehmen sehr wichtig, dass wir 1996 über das Vertriebsunternehmen Duval den Eintritt in den britischen Markt schafften. Hier konnten wir seitdem über 100 Reinigungsmaschinen über diese Schiene unterbringen. Auch in den USA war Multitex sehr aktiv.

WRP:Welche Märkte bedient Multitex heute?

Joachim Biesinger: Heute sind wir hauptsächlich in allen deutschsprachigen Ländern unterwegs. Unsere Kunden kommen also aus Deutschland, Österreich und aus der Schweiz. Wir liefern auch Maschinen in die Niederlande und nach Belgien. Aktuell werden unsere Kontakte nach England wieder intensiver. Wir haben eine Anfrage von einer Gruppe, die ein großes Interesse an dem Lösemittel Higlo besitzt und die dazu passende Maschinentechnik sucht. Grundsätzlich ist die Firma Multitex stets offen für neue Lösemittel und Verfahren und entwickelt dafür die passende Maschinentechnik.

WRP:Wie wird der sehr wichtige Service für diese Maschinen geleistet?

Joachim Biesinger: Wir arbeiten in ganz Europa mit selbstständigen Händlern zusammen, die auch für den Service zuständig sind. Das ist unser Konzept. Für unseren internationalen Kunden ist der erste Ansprechpartner immer sein Händler vor Ort.

In Deutschland wird der Vertrieb der Multitex Maschinen über Rottenburg geleistet. Für den Service arbeiten wir bundesweit mit einem Netz von zwölf selbstständigen Technikern zusammen. Außerdem steht die Multitex-Mannschaft immer bereit, um ein drängendes Problem aus der Welt zu schaffen. In 90 Prozent aller Fälle reicht dafür schon ein Telefonat.

Horst Lange: In der Regel hat jeder Textilreiniger einen festen Monteur, den er bei Problemen kontaktiert. Unsere Technik ist so robust und in der Konstruktion so entwickelt, dass alle Probleme vor Ort ohne großen Aufwand beseitigt werden können. Eine Multitex-Maschine ist auf die jeweilige Anforderung in einem Textilreinigungsbetrieb und auf das dafür technisch notwendige optimiert. So wird auch das Risiko minimiert, dass etwas kaputt gehen kann. Es gibt keine Kältetechnik in den Maschinen. Daher entfällt auch die dafür notwendige kostenintensive jährliche Pflichtwartung. Die tiefen Kältetemperaturen werden für die heutigen Lösemittel nicht mehr benötigt. Gleichzeitig macht diese technische Reduktion auf das Wesentliche die Multitex Maschinen auch besonders sparsam beim Energie- und Ressourcenverbrauch.
Reinhard Biesinger: Für einen Textilreiniger ist es immer ein Problem, wenn die Technik streikt. In seinem Betrieb sind die Prozesse eng aufeinander abgestimmt, und der Kunde wartet nur ungern. Deshalb konstruieren wir unsere Maschinen so, dass sie problemlos vor Ort von jedem Mechatroniker repariert werden können. Die Firma Multitex Maschinenbau lebt vom Verkauf der Maschinen und nicht vom Service für diese Technik.

Horst Lange: Ich hatte früher in meinen Betrieben insgesamt 14 Multitex-Maschinen im Einsatz. Bei einem Problem reichte in fast allen Fällen ein Telefonat mit dem Mitarbeiter, um es aus der Welt zu schaffen. Es kam nur sehr selten vor, dass ich mit den Biesingers Kontakt aufnehmen musste, weil wir selbst keine Lösung fanden.

WRP:Multitex bezieht den Stahlbau für seine Maschinen von einem chinesischen Lieferanten. Wie schafft man die geforderten Qualitäten?

Joachim Biesinger: In über 20 Jahren Zusammenarbeit mit chinesischen Lieferanten haben wir gelernt, mit dieser Qualität umzugehen. Wir wissen genau, was funktioniert und was nicht. Dementsprechend wurde die Einkaufsliste minimiert und kritische Teile wie zum Beispiel die Hauptlagerung werden von uns zur Verfügung gestellt.

Die angelieferten Teile durchlaufen selbstverständlich eine eingehende Prüfung und werden gegebenenfalls nachgearbeitet. Die Fertigstellung mit Motoren, Steuerung, Elektrik und Pneumatik sowie die Lackierung und Beschichtung werden im Werk Rottenburg durchgeführt. Testläufe und die Endprüfung sichern die gewünschte Qualität.

Wenn jedoch die Preise in China und die Frachtkosten im jetzigen Tempo weiter steigen, muss über neue Wege nachgedacht werden.

WRP:Bei Multitex passieren Entwicklung, Fertigung sowie Vertrieb unter einem Dach in der Firmenzentrale in Rottenburg. Welche Vorteile bieten diese Strukturen dem Kunden?

Joachim Biesinger: Hier sind vor allem zwei Aspekte wichtig: Einerseits machen uns diese Strukturen schnell. Die Wege innerhalb des Unternehmens sind kurz, auch wenn es um die Weiterentwicklung der Technik geht. Das gilt auch für den Kunden, auf dessen Anforderungen wir deshalb sehr kurzfristig reagieren können.
Gleichzeitig machen uns diese Strukturen besonders flexibel. Unsere Maschinen sind modular aufgebaut. Es gibt eine Grundmaschine, die mit einem Filter- oder einem Destillationsmodul, mit Kartuschenfiltern, mit einem zweiten Filter, mit einer Aerosol-Löscheinrichtung oder mit UV-Sterilisation und Ozon-System ausgestattet werden kann. Diese Maschine wird exakt auf der Basis eines Anforderungskataloges gebaut, der im Vorfeld zusammen mit dem Kunden erstellt wird. So bekommt der Kunde immer genau die Maschine, die er für die Bearbeitung seiner Ware benötigt.

Horst Lange: In diesem Sinne ist die Firma Multitex heute auch ein Spezialitätenhersteller beziehungsweise Spezialist für Sonderlösungen. Ein passendes Beispiel dafür ist die Aerosol-Löscheinrichtung, mit der wir schon einige Maschinen ausgestattet haben. Mit dieser Einrichtung können Auflagen, die zum Beispiel für das Aufstellen von Reinigungsmaschinen in ECE-Einkaufscentern gelten, erfüllt werden. Ohne die Aerosol-Löscheinrichtung müsste man die Maschine in einem solchen Center mit einem großen Aufwand mit einer Mauer abschotten.

Joachim Biesinger: Ich will an dieser Stelle ergänzen, dass es in den über 20 Jahren, seitdem Multitex Maschinen baut, bisher keinen Fall gab, dass eine unserer Maschinen einen Brand verursacht hat.

Reinhard Biesinger: Aktuell haben wir für eine Kundenmaschine einen speziellen zusätzlichen Filter entwickelt und gefertigt, der nur aus einer Kartusche besteht. Warum? Der Kunde arbeitet Gebrauchtware im Lösemittel Higlo auf. Das Lösemittel darf aber im Reinigungsprozess nicht so gut arbeiten, wie es eigentlich könnte, weil sonst bestimmte Stellen auf der Ware zu hell werden würden. Mit diesem speziellen Filter lösten wir diese Aufgabe.

Wir bauen auch Maschinen für die Edelfellindustrie in Russland. Sie werden dort zum Entfetten der Felle eingesetzt. Dabei kommt als Lösemittel eine Mischung aus KWL und Silikon zum Einsatz.

WRP:Lösemittel ist ein wichtiges Stichwort: Welche Trends beobachten sie als Hersteller in diesem Markt?

Joachim Biesinger: Wir stellen immer wieder fest: Kommt ein neues alternatives Lösemittel in den Markt, gibt es am Anfang einen gewissen Hype – der sich dann wieder verflüchtigt. Wir denken, dass jedes dieser neuen Lösemittel Stärken hat. Sie sind aber offensichtlich nicht so groß, dass sie alle Textilreiniger nachhaltig überzeugen können.

Ich persönlich sehe für das Lösemittel Higlo vor allem in der Reinigung von Arbeitskleidung und Putzlappen ein großes Potential. Wir haben genau für diese Anforderung schon eine Maschine gebaut.

In den Niederlanden laufen mehrere unserer Maschinen mit Higlo. Auch der Vertrieb in Deutschland für dieses Lösemittel gibt uns immer wieder ein positives Feedback. Vor allem von Textilreinigern, die mit dem Lösemittel auf Multitex-Maschinen arbeiten. Es ist wohl von Vorteil, dass in unseren Maschinen dem Lösemittel Higlo nichts zugesetzt und nur über den Filter gefahren wird. So kann allein das Lösemittel arbeiten.

Horst Lange: Ich denke, dass man mit allen alternativen und natürlich auch den traditionellen Lösemitteln im Markt arbeiten kann. Da muss jeder Textilreiniger seine eigene Entscheidung treffen.

Reinhard Biesinger: Aber ich glaube schon, dass die Bedeutung von Per in Zukunft im hiesigen Markt weiter zurückgehen wird. Nicht nur, weil die Regelungen weiter verschärft werden, sondern auch, weil es immer teurer wird. Früher war Per auch immer eine Alternative, weil es günstig in der Anschaffung war.

Horst Lange : Per wird in Frankreich ab 2021 verboten. Das wird sich deshalb auch auf europäischer Ebene und damit auf den hiesigen Markt auswirken.

WRP:Wie stellt sich aktuell der Markt für einen Reinigungsmaschinenhersteller dar?

Lange: Ich habe manchmal das Gefühl, dass eine gewisse Marktsättigung vorherrscht. Auch gibt es eine latente Verunsicherung bei den Betrieben, zum Beispiel hinsichtlich des richtigen Lösemittels. Es kommen, wie gerade erläutert, regelmäßig neue Alternativen in den Markt, die auf der Kundenseite aber für immer neue Fragen sorgen. Soll man jetzt auf das brandneue Lösemittel setzen, bei seinem alten bleiben oder besser noch warten? Das Motto ist offensichtlich: Lass die Anderen erst einmal ausprobieren, dann schaue ich und kann in aller Ruhe überlegen.

Interview aus WRP 04-2017