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Herbert Kannegiesser GmbH

„Der Hygieneaspekt sollte im Marketing der Branche viel mehr betont werden“

Die Firma Herbert Kannegiesser ist Ende 2014 in eine Familienstiftung übertragen worden. Über diesen Schritt und die Zukunft des Unternehmens sprachen wir mit Martin Kannegiesser im Interview des Monats. Weitere Themen waren die Smarte Wäscherei und neue Ansätze für das Branchenmarketing. „Wir finden, dass der Aspekt Hygiene, der noch immer das Kerngeschäft der Wäschereien ist, viel stärker berücksichtigt werden sollte“, forderte Martin Kannegiesser.

Martin Kannegiesser
Diplom-Kaufmann Martin Kannegiesser ist Geschäftsführer des Maschinenbauunternehmens Herbert Kannegiesser GmbH in Vlotho/Westfalen und Vorsitzender der Familienstiftung Martin Kannegiesser. Die Stiftung hält alle Geschäftsanteile der Firma Kannegiesser. Martin Kannegiesser trat unmittelbar nach Abschluss eines betriebswirtschaftlichen Studiums an der Universität Köln 1966 als Vertriebsleiter in den elterlichen Betrieb ein, übernahm 1970 die Geschäftsführung und 1974 nach dem Tod seines Vaters und Firmengründers auch die Inhaberfunktion. Seit 1975 war er in ehrenamtlichen Funktionen, wie Vorsitzender des regionalen Arbeitgeberverbandes, Vorsitzender auf Bezirks- und Landesebene in der CDU-Mittelstandsvereinigung, im VDMA. 1994 wurde er Verhandlungsführer von Metall NRW, 1996 dessen Präsident und 1997 Vizepräsident von Gesamtmetall. Von September 2000 bis 2012 war er Präsident von Gesamtmetall, des größten deutschen Arbeitgeberverbandes, außerdem Vizepräsident des Bundes der deutschen Arbeitgeber (BDA). In 2010 wurde er zum neuen Präsidenten des Dachverbandes der europäischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände CEEMET gewählt.
Das Stiftungsmodell bietet unserem Unternehmen und unseren Kunden ein hohes Maß an Zukunftssicherheit.
Der Druck auf die Preise entsteht durch die Nachfrager.
Wir finden, dass der Aspekt der Hygiene viel stärker im Branchenmarketing berücksichtigt werden sollte.
WRP:Herr Kannegiesser, Sie waren Alleineigentümer der Firma und haben Ihre Geschäftsanteile vollständig auf die Martin Kannegiesser Familienstiftung übertragen. Warum haben Sie diesen Schritt und dieses Modell gewählt?

Martin Kannegiesser: In jedem Familienunternehmen steht irgendwann ein Generations- beziehungsweise ein Führungswechsel an. Wir haben uns für dieses Stiftungsmodell entschieden, weil es für das Unternehmen und seine Belegschaft sowie für unsere Kunden ein hohes Maß an Stabilität und Zukunftssicherheit bietet. Derzeit bin ich in Personalunion Vorsitzender der Kannegiesser Familienstiftung und der Herbert Kannegiesser GmbH. Meine Tochter Tina ist stellvertretende Stiftungsvorsitzende. Für uns ist die Familienstiftung mit dieser Struktur und Satzung eine optimale Lösung. Es gibt institutionalisierte Strukturen, trotzdem kann die Familie Kannegiesser weiterhin ihren Einfluss ausüben. So wird die Firma Herbert Kannegiesser auch in Zukunft für ihre Kunden wie gewohnt agieren.

Der Zweck der Familienstiftung ist definiert als: Weiterführung und -entwicklung der Firma Herbert Kannegiesser GmbH. Hier ist als oberstes Ziel explizit formuliert, dass wir als größerer Mittelständler weiterführen wollen, was wir seit Jahrzehnten tun, nämlich Thesaurierung zu betreiben.

WRP:Wer trifft die Entscheidungen für das intern oder auch extern rekrutierte Firmenführungspersonal, wer bestimmt über die Verwendung finanzieller Mittel?
Kannegiesser: Diese Personalentscheidungen liegen beim Stiftungsvorstand und dem Stiftungsbeirat. Alle Mitglieder des Stiftungsbeirates sind erfahrene mittelständische Unternehmer. Da die Eigentümerin der Herbert Kannegiesser GmbH zu 100 Prozent die Stiftung ist, entscheidet sie am Ende, wenn es um die Verwendung der finanziellen Mittel geht. Aber immer wenn etwas ausgeschüttet werden soll, greift der oberste Stiftungszweck, nämlich die Thesaurierung.

WRP:Heute werden in Unternehmen oft extreme Wachstumskurse vorgegeben. Was hält die Firma Kannegiesser von solchen Trends?

Kannegiesser: Wir versuchen weiterhin mit unserem Markt zu wachsen. Seit der Gründung der Firma Kannegiesser waren wir immer in einem Nischenmarkt engagiert. Trotzdem muss ein Unternehmen auch hier notwendige Strukturen ausbilden, um sich verändernden Marktanforderungen anpassen zu können. Um in einem begrenzten Markt zu wachsen, muss es internationaler werden. Meine Mutter Irma hat das Exportgeschäft der Firma maßgeblich aufgebaut. Trotzdem geht es für ein mittelständisches Unternehmen wie wir es sind nicht in die ganz großen Bereiche, das war und ist in diesem Nischenmarkt nicht finanzierbar.

WRP:Wenn Sie heute auf das Unternehmen Kannegiesser schauen, wie würden Sie die Firmenentwicklung skizzieren?

Kannegiesser: In der Vergangenheit dachte die Firma Kannegiesser eher in einzelnen Lösungen. Heute definiert sie sich als ein Systemanbieter, der Wäschereien komplett projektieren und ausstatten kann. Maschinen werden heute nicht mehr einzeln, sondern immer im gesamten Prozess betrachtet.

Bei allen Vorhaben arbeiten wir heute eng mit unseren Kunden zusammen, zum Beispiel in gemeinsamen Projektgruppen. Dabei geht es natürlich um das Projektmanagement, aber auch zum Beispiel um gemeinsame Risikoanalysen. All das bedingt in der Firma Kannegiesser ein gewisses Maß an Ressourcen in allen Bereichen, zum Beispiel Ingenieure, Daten- und Organisationsspezialisten. Und das weltweit zu leisten, das bedeutet schon eine Herausforderung.

Vom Produkt zum System – das ist genau der Weg, den die Firma Kannegiesser in den letzten zehn Jahren gegangen ist. Wenn heute irgendwo auf der Welt ein größeres, relativ komplexes Wäschereiprojekt geplant ist, dann würde ich mit der notwendigen Bescheidenheit sagen, dass bei vielen die Firma Kannegiesser zumindest gefragt wird.

Wenn wir mit unseren Kunden zum Beispiel über Logistikfragen diskutieren, dann gelten bei uns ähnliche Probleme wie in deren Betrieben. Wir arbeiten hier am Standort Vlotho mit 30.000 unterschiedlichen Teilen. Auch sie müssen zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle sein. Das ist sehr schwer. Wenn ein Glied in der Kette nicht richtig funktioniert, dann geht auch bei uns sofort die Produktivität herunter.

WRP:Der Markt ihrer Kunden hierzulande ist noch immer durch einen fortschreitenden Konzentrationsprozess gekennzeichnet. Jüngst drängt der französische Textilservicekonzern Elis immer stärker hinein. Wie stellt sich diese Entwicklung für den Techniklieferanten Kannegiesser dar, was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen für den Verdichtungsprozess?

Kannegiesser: Diese Konzentrationsbewegung hat ihre Ursache in der Entwicklung der Marktes selbst – das ist zumindest unsere Beobachtung. Es gibt einen erheblichen Preiswettbewerb. Der Druck auf die Preise entsteht von Seiten der Nachfrager, also von den Kunden der Wäschereien. Verschärfend kommt hinzu, dass die Kapazitäten auf der Dienstleisterseite gewachsen sind, es gibt tendenziell ein Überangebot.

Unter diesen Bedingungen gibt es für Wäschereien im wesentlichen nur zwei Möglichkeiten: Die Produktivität zu steigern und Innovationen zu generieren. Das ist aber in diesem Geschäft sehr schwer. Wenn man zurückblickt kam der letzte große Innovationsschub für unsere kleine Branche mit der Entwicklung der Rentex. Mit diesem Konzept wurden weitere Dienstleistungen im Markt installiert, die für einen gewissen Schub sorgten. So etwas benötigen wir heute wieder. Zum Beispiel durch frische Impulse aus dem Marketing. Vereinzelt gibt es neue Ideen, aber nicht in der Breite. Wir finden, dass der Aspekt Hygiene, der noch immer das Kerngeschäft der Wäschereien ist, viel stärker im Marketing der Branche berücksichtigt werden sollte. Zum Beispiel spielt er bislang im Hotelgeschäft kaum eine Rolle.

Für uns als Techniklieferanten bedeutet die Konzentration im Markt, dass möglicherweise die Zahl der Kunden geringer wird, die Anforderungen an uns tendenziell aber eher steigen. Denn der Textilservice kauft mit den Übernahmen nicht nur Marktanteile, sondern versucht zudem, Synergien zu generieren. Diese gibt es aber nur, wenn in den verschiedenen Einheiten des Dienstleisters eine Grundlinie, eine gewisse Homogenität erreicht werden kann. Deshalb muss auch der Textilservice ganzheitlich, in Zusammenhängen bei der Technik und der Logistik denken. Maschinen-, Steuerungs- und Datentechnik müssen aufeinander abgestimmt sein. Das ist nicht nur für das Thema Synergien wichtig, sondern auch relevant für eine hohe Verfügbarkeit. Die Betriebe wollen eine Verknüpfung mit der Datentechnik, aber viele unterschiedliche Maschinenlösungen machen viele unterschiedliche Schnittstellenlösungen notwendig. All das kommt unserer Philosophie entgegen, wir können heute bei solchen Fragen sehr professionell antworten.

Natürlich ist es auch so, dass die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen Wäscherei und Techniklieferanten größer werden: Weil wir als Hersteller mit unseren Lösungen einen absoluten Nischenmarkt bedienen und weil unsere Kunden, um Synergien gewinnen zu können, nicht eine Politik betreiben können, die auf eine Vielzahl von Technikprinzipien und damit Lieferanten beruht.

WRP:Wie lange können die Betriebe das Drehen an der Preisschraube noch durchhalten?

Kannegiesser: Wenn die Frage ist, ob in den Betrieben noch Produktivitätssteigerungen möglich sind? Diese gibt es ganz sicher. Nach unserer Ansicht liegt das größte Potential in der Organisation der Prozesse und in der Logistik. Wir lernen von der Autoindustrie, dass der Waren- beziehungsweise der Arbeitsfluss in den Wäschereien nicht ausreichend stetig ist. Wenn man einzelne Prozessschritte genauer betrachtet, gibt es zu viele Wartezeiten – weil Informationen nicht bereit stehen, weil Programme für den nächsten Posten eingestellt werden müssen oder weil ganz einfach erst ein Wäschewagen heran geschafft werden muss.
Wir taxieren das durchschnittliche Leistungsniveau in den Betrieben auf 50 bis 60 Prozent. Wenn es uns gelingen würde, es auf 70, 80 Prozent anzuheben, dann würde dies einen enormen Produktivitätsschub und damit verbunden Kostensenkungen bedeuten. Das ist nach unserer Meinung der richtige Weg. Wir haben deshalb das Konzept der Smarten Wäscherei entwickelt. Es verknüpft den Waren- und den Informationsfluss durch die Wäscherei. Die Maschinen in der Smarten Wäscherei besitzen durchgängige Steuerungssysteme. Ein Datenbanksystem verbindet Artikel und Kunde, Managementinformationssysteme und Bearbeitungsprogramme miteinander. Das Ergebnis ist eine Hochleistungswäscherei, die höchste Produktivität, Flexibilität und Qualität miteinander verbindet. Sozusagen Industrie 4.0 für Textildienstleister.

WRP:Welche Rolle spielt die RFID-Technik in der Smarten Wäscherei? Ist sie eine Voraussetzung für dieses Konzept?

Kannegiesser: Die Smarte Wäscherei ist mit und ohne RFID möglich. Mit Transponder-Technologie bedeutet das Konzept eine vollautomatische Lösung mit datenbankgesteuerter Förder- und Speichertechnik. Das System erfasst selbstständig den Artikel, aus der Datenbank werden unter anderem Informationen wie Mangelgeschwindigkeit und entsprechenden Eingabe- und Faltmaschinenprogramme abgerufen. Ohne RFID-Technik funktioniert die Smarte Wäscherei sozusagen halb­automatisch, aber immer noch sehr effizient. Schließlich ist auch hier die Verknüpfung des Waren- und des Informationsflusses realisiert. Es gibt durchgängige Steuerungssysteme, die die Prozesse verstetigen und die Leistung insgesamt erhöhen.

RFID-Technik wird im Bereich der Berufskleidung seit etlichen Jahren eingesetzt. Einige Wäschereien experimentieren im Bereich der Flachwäsche mit Transpondern. Es gibt Betriebe, die Teile ihrer Textilbestände damit ausgerüstet haben und in der Praxis einsetzen. Und es gibt Firmen, die RFID-Technik eingeführt und schon wieder aufgegeben haben. In der Breite durchgesetzt hat sich diese Kennzeichnungslösung noch nicht, weil sie mit einer sehr großen Investition verbunden ist.

WRP:Wir haben angenommen, wenn RFID-Technik innerbetrieblich durchgängig angewendet wird, also auch bei der Flachwäsche, dann führt dies zu solch großen Produktivitätsgewinnen, dass sich die hohen Investitionen lohnen.
Kannegiesser: Es kann mit der Transponder-Technologie auch im Flachwäschebereich eine Wirtschaftlichkeit ermittelt werden, aber verbunden mit einer hohen Investition mit einer relativ langen Amortisationszeit. Aber der durchgängige Einsatz ist keine Praxis in den Betrieben. Wenn aber in der Wäscherei mit zwei Kategorien – Teile mit und ohne Transponder – gearbeitet werden muss, wird die Logistik wieder komplexer, der Produktivitätsfortschritt ist dahin.

Sicherlich wird sich die RFID-Technik auch im Flachwäschebereich in manchen Betrieben durchsetzen. Der große Vorteil besteht darin, dass damit jedes Textil als Einzelteil behandelt werden kann. Dies bietet im Betrieb und auch außerhalb beim Kunden sehr präzise Steuerungsmöglichkeiten. RFID-Technik ist notwendig, wenn eine Wäscherei ihre Kunden in den Kreislauf einbeziehen möchte – zum Beispiel, um ins Krankenhaus bis ins einzelne Regal zu liefern. Sie hat aber keine Notwendigkeit, wenn eine Wäscherei einen Produktivitätsfortschritt als einzelnes Ziel definiert. Dies lässt sich auch ohne Einsatz von Transpondern realisieren.

WRP:Bei den gängigen Verträgen im Textilservice ist nicht die Waschperformance, sondern sind Mengen und Liefertermine festgelegt. Dafür bezahlt der Kunde. Mit Transponder-Technik könnte der Kunde auch eine größere Transparenz bekommen, zum Beispiel über die Waschleistungen. Gerät damit das Standardvertragsmodell im Textilservice ins Wanken?

Kannegiesser: Ich denke, wenn der Textilservice hier seine Kunden einbeziehen möchte, dann könnten zum Beispiel Marketingaspekte ein Anlass sein. Man kann über sehr viel mehr Transparenz mit dem Kunden reden, dieser muss für sich aber Vorteile sehen. Das könnten zum Beispiel wieder Preiszugeständnisse sein. Genau das kann aber nicht das Ziel sein.

Was sie für mich ansprechen, ist das Thema Qualitätssicherung. Man kann über die Transponder zum Beispiel die Vollständigkeit der Lieferung nachweisen oder auch belegen, mit welchem Wasch­programm gearbeitet wurde. Dies ist bei manchen Artikeln der Berufskleidung schon heute eine Anforderung, die oft sogar dokumentiert werden muss. Grundsätzlich könnte die Sicherung der Qualitätsstandards, zum Beispiel im Bereich der Hygiene, weltweit ein wichtiges Thema werden.

WRP:Während wir im Textilservicemarkt schon über Konzentrationsprozesse gesprochen haben, ist auf der Kundenseite unter anderem ein Individualisierungstrend festzustellen. Die Nachfrage wird spezifischer, die zu pflegenden Textilien werden variantenreicher. Wie genügt die Maschinentechnik diesem Trend?

Kannegiesser: Um wettbewerbsfähig zu sein, muss man ganz stark standardisieren – diese Ansicht herrscht in einigen Ländern noch vor, teilweise auch in unserem Markt. Aber auch wir sagen, die Zukunft wird differenzierter. Schon heute muss ein textiler Dienstleister seinen Kunden ein sehr breites Angebot offerieren. Das ist im Berufskleidungsmarkt sehr deutlich zu sehen. Um diesen Trend Rechnung zu tragen, hat die Firma Kannegiesser unter anderem ein neues Schmutzwäschesortiersystem für Formteile entwickelt, das auf der kommenden Texcare in Frankfurt vorgestellt wird.

Um dieser Differenzierung gerecht zu werden, ist es unsere Aufgabe, in den Wäschereien Maschinentechnik, Logistik und Verfahrenstechnik mit Flexibilität und Produktivität zu verbinden. Dies ist eine der drei Kernanforderungen, die wir für unsere Lösungen formuliert haben und denen sie genügen müssen. Eine weitere Anforderung ist Sauberkeit und Hygiene, sie sind schließlich das Kerngeschäft für Wäschereien. Deshalb müssen die Systematiken für die Qualitätssicherung ständig verbessert werden. Die letzte Kernanforderung sind sichere Liefer- und Versorgungskonzepte, sie sind lebenswichtig für unsere Kunden. Nur wenn eine Wäscherei diese Anforderungen leisten kann, wird sie künftige Marktpotentiale, die sich durch weiter differenzierende Textilsortimente ergeben, ausschöpfen können.

WRP:Wenn die Anforderungen für die Wäschereien komplexer werden: Welche Bedeutung haben Aus- und Weiterbildung in den Betrieben? Oder provozierender gefragt: Brauchen die großen Textilserviceunternehmen zum Beispiel gut ausgebildete Facharbeiter?

Kannegiesser: Das ist eine sehr wichtige Frage. In der Tat steigen in allen Ländern relativ die Personal- und Arbeitskosten. Tendenziell auch angeschoben durch politische Entwicklungen, Stichwort Mindestlöhne.

Wir werden in den Wäschereien zukünftig mehr kleine Crews mit gut ausgebildeten Mitarbeitern benötigen. Nicht für die Bedienung der Maschinen beziehungsweise für die innerbetrieblichen Abläufe, hier werden die Fortschritte in der Automatisierung und Robotisierung weiter vorangehen. Aber die Mitarbeiter, die an den Schnittstellen zu den Kunden sitzen, müssen gut ausgebildet sein. Genauso wie die Spezialisten in den Wäschereien, die dafür sorgen, dass die Technik reibungslos funktioniert.

Wenn Betriebe die Wartung und die Störungsbeseitigung selbst übernehmen, sind entsprechende Fachkräfte leider nur schwer zu finden. Wir haben deshalb mit einigen Kunden Vereinbarungen getroffen und qualifizieren deren Lehrlinge hier im Haus. Natürlich bieten wir Wäschereien auch Schulungsprogramme an, die sich im wesentlichen mit Fragen der Wartung, der Verfügbarkeit und der Störungsbeseitigung beschäftigen. Im letzten Jahr zählten wir bei den Schulungen mehr als 1.000 Teilnehmer .

WRP:Heute finden sich im Anbietermarkt für Wäschereitechnik Komplettausstatter und Komponentenanbieter. Wie wird sich dieser Markt in Zukunft weiter entwickeln?

Kannegiesser: Wie dieser Markt in ein paar Jahren aussehen wird, das können wir nicht prognostizieren. Es gibt einzelne Anbieter, die gerade versuchen, über preiswerte Einzelmaschinen in diesen Markt zu kommen. Und es gibt Entscheider, die nach der billigsten Maschine verlangen, gleichzeitig einen Systemlieferanten mit allen Vorteilen haben möchten – diese beiden Welten passen aber nicht zusammen.

Sicherlich kann man diesen Markt in diese beiden Kategorien unterscheiden. Für uns ist Komplett- oder Teilausstatter aber nicht die entscheidende Frage. Die Firma Kannegiesser kann von der Sortierung, über das Waschen, Trocknen und Mangeln, die Expedition bis hin zur Logistik ihren Kunden Lösungen aus eigener Entwicklung und Produktion anbieten – das ist natürlich eine wichtige Voraussetzung. Das Entscheidende aber ist die Integration der verschiedenen Komponenten zu einem funktionierenden System, das schnell, sicher und effizient arbeitet. Hier liegt eigentlich die größte Herausforderung für unsere ganze Organisation. Es hat insgesamt rund zehn Jahre gedauert, alleine die Steuerungs- und Datentechnik für unsere verschiedenen Maschinen gleichnamig zu machen.

Wir haben immer wieder die Frage diskutiert, ob die Firma Kannegiesser diese Aufgaben am besten zentral oder dezentral lösen kann. Wir haben uns entschieden, möglichst viel Know-how an einem Standort zu konzentrieren. Wenn zwei, drei Projekte mit großen Herausforderungen parallel laufen, dann sind sie zentral an einem Standort in einem Land optimal zu managen.

WRP:Die ganze Technik im Kannegiesser-Sortiment wird in Deutschland entwickelt und hergestellt – auch für die internationalen Märkte. Wäre es eine Option für die Firma Kannegiesser, hier die Komponenten zu produzieren und zum Beispiel in China zu montieren?

Kannegiesser: Das könnte man in dem einen oder anderen Fall vielleicht machen. Man muss aber sehen, dass die Montagekosten einen Anteil von 10 bis 15 Prozent an den Gesamtkosten tragen. Einsparmöglichkeiten sind hier gegeben, aber nicht entscheidend.

Die Nachteile eines solchen Konzepts, wie zum Beispiel weltweit verstreute kleine Einheiten, niedrige Produktivitäten oder auch ganz banal die nicht immer einfache Kommunikation, haben nach unserer Meinung mehr Gewicht als Vorteile wie etwa niedrige Lohnkosten.

Die Firma Kannegiesser unterhält heute weltweit verschiedene kleinere Zentren, die auch gut ausgestattet sind. Zum Beispiel sind für Südostasien in Bangkok mittlerweile 50 Mitarbeiter für die Technik, also für Inbetriebnahme, Wartung und Programmierung, beschäftigt. In allen umliegenden Ländern haben wir Vertretungen und Stützpunkte. Aber keiner dieser Märkte, nehmen wir als Beispiele Malaysia oder die Philippinen, ist groß genug, um richtige Spezialisten zu unterhalten. Wenn in diesen Ländern schnelle Hilfe benötigt wird, dann kommt sie aus Bangkok.
WRP:Auf der letzten Altenpflege-Messe brachten einige Aussteller das Thema Inhouse-Wäscherei offensiv nach vorne. Gerade in diesem Markt ist die Durchdringung durch den Textilservice noch nicht besonders hoch. Was müssen aus Ihrer Sicht hier die Textilpflegedienstleister leisten?

Kannegiesser: Aus unserer Perspektive geht es bei den Krankenhäusern und Hotels weltweit in Richtung Professionalisierung. Einfach weil das Waschen nicht zu ihrem Kerngeschäft gehört. Die Prozesse stellen schon jetzt hohe Anforderungen, international werden sie beim Umweltschutz oder bei der Hygiene weiter steigen. Dies zu leisten ist für einen Nichtprofi, der sich in seinem Unternehmen um ganz andere Probleme zu sorgen hat, eine ziemlich große Herausforderung. Deshalb halten wir es aus heutiger Sicht für vernünftig, in diesen Märkten externe Dienstleister einzusetzen.

Die Bewohnerwäsche aus den Bereich der Altenpflege ist ein sehr spezielles Segment. Sie ist der früheren Haushaltswäsche fast ähnlicher, die früher auch in Wäschereien bearbeitet wurde, als das was heute üblicherweise in den Betrieben gepflegt wird. Hier ist der Trend weniger eindeutig.

<b>WRP:Wie beschreiben Sie die grundsätzliche Stimmung in den Textilpflegemärkten?

Kannegiesser: Wir stellen in Deutschland eine optimistisch-positive Grundstimmung fest. Die Betriebe haben genug zu tun, die Wäscheauslastung ist erfreulich. Probleme macht eher der Preisdruck, der fast allen Betrieben akute Sorgen bereitet. Die progressiven Wäschereien denken aktiv darüber nach, wie sie dieser Situation mit Modernisierung und Neustrukturierung begegnen können und informieren sich entsprechend. Das Investitionsverhalten in 2015 war deshalb in Deutschland normal bis gut.

Wenn man die internationalen Märkte betrachtet, sind die Entwicklungen unterschiedlich. In den USA haben die Wäschereien über die letzten Jahre wenig investiert, das hat sich jetzt verbessert. Technologisch sind sie mit dem Niveau hierzulande nicht vergleichbar. Frankreich hat ein Finanzierungsproblem im öffentlichen Sektor.

Generell ist der Tourismus weltweit ein Wachstumsbereich. Auch wenn es in einigen Regionen aufgrund der Sicherheitsprobleme Rückschläge gegeben hat. So ist der Tourismus in Paris nach den Anschlägen 30 bis 50 Prozent zurückgegangen, auch die Türkei leidet unter einer ähnlichen Entwicklung. Aber diese Erscheinungen sind temporär, die Touristen werden wiederkommen. Und aktuell gehen sie in andere Regionen. Je unsicherer die Welt wird, desto mehr Tourismus haben wir in Deutschland.

WRP:Die Texcare International steht unmittelbar vor der Tür. Welche Schwerpunkte wird die Firma Kannegiesser in Frankfurt setzen?

Kannegiesser: Wir werden uns auf der Messe mit einer großen Bandbreite an Themen und Produkten präsentieren. Wir standen vor der Entscheidung, entweder nur selektiv Lösungen für einzelne Bereiche in den Wäschereien zu beleuchten oder unser ganzes Angebot zu präsentieren. Der große Stand ergibt sich daraus, dass wir jetzt das komplette Programm in den Zusammenhängen zeigen. Schließlich werden in Frankfurt Besucher aus der ganzen Welt erwartet.

Unsere Gäste können sich über alle Leistungsbereiche der Wäscherei informieren. Der rote Faden durch unsere Maschinentechnik werden die Minimierung der Nebenzeiten, die weiter erhöhte Verfügbarkeit und die ergonomische Gestaltung sein.

Heute reden Kunden mit uns darüber, wie ihre Wäscherei in fünf Jahren aussehen könnte. Sie wünschen sich Masterpläne. Auch das wird in Frankfurt ein Thema sein. Genauso wie die schon erwähnte Synchronisation von Artikel- und Informationsfluss für die Verstetigung der Arbeitsabläufe in der Smarten Wäscherei.

Interview aus WRP 04-2016