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Kwintet Central Europe

Marke über Alles !

Kwintet, der größte europäische Anbieter von Berufsbekleidung befindet sich in einer Veränderungsphase. Wir sprachen mit Wolfgang Binder, Managing Direktor für Zentraleuropa und Karl-Heinz Janczik, Key Account Betreuer Textilleasing, über die geschäftspolitische Ausrichtung der Firma.

Wolfgang Binder
Wolfgang Binder hat eine über 25-jährige Erfahrung in verschiedensten Management- und Geschäftsführungsfunktionen in der textilen Kette. Ein Schwerpunkt seiner Aufgaben ist die Führung von Unternehmen in schwierigen Situationen. Dabei ist er spezialisiert auf die komplexe Steuerung und Führung von Unternehmen im Multichannel-Handel. Wolfgang Binder ist 1964 in Österreich geboren und studierte erfolgreich Handelswissenschaften. 2013 wurde er als „Executive Vice President Kwintet Central Europe“ berufen.
Karl-Heinz Janczik
Karl-Heinz Janczik ist seit über 20 Jahren im Vertrieb von Berufs- und Schutzkleidung tätig. Erste Erfahrungen in Textilunternehmen sammelte er bereits während der Schulzeit und danach im Studium. Karl-Heinz Janczik ist 1952 in Westfalen geboren, hat Betriebswirtschaftslehre studiert und einen Abschluss als Diplom-Kaufmann. Er ist seit 2006 bei Kwintet. Seit 2008 verantwortet und koordiniert er die Leasing-Vertriebsaktivitäten der Kwintet Organisation in Deutschland als Key Account Manager.
Der Textilservice ist für uns ein ganz wichtiger Kundenbereich. Wir bedienen ihn in allen Branchen und vor allem für mittelgroße und große Unternehmen.
Der Firmenname Kwintet wird auslaufen und verschwinden. Die Marke Fristads Kansas wird zum Kern des Geschäfts werden.
Die Produktentwicklung erfolgt markenbezogen in Schweden. Jede Marke hat ein eigenes Entwicklungsteam.
WRP: Herr Binder, Herr Janczik, Kwintet hat seit April 2015 neue Eigentümer. Was verändert sich?

Wolfgang Binder: Das Unternehmen befindet sich seit zwei Jahren in einer Restrukturierungsphase. Das ist ein Prozess mit vielen Veränderungen. Beispielsweise wurde der Firmensitz verlegt von Malmö nach Boras, dem textilen Handelszentrum in Schweden. Wir hatten einen Eigentümerwechsel vom Investorenkonsortium IK Investment Partners, die uns sieben Jahre lang begleitet haben, zu den zwei langfristig ausgerichteten neuen Inhabern Michael Hauge Sørensen und Christian Dyvig. Die beiden neuen Eigentümer kommen aus dem Mode- und Textilbereich beziehungsweise der Finanzbranche, das heißt, sie haben persönliche Erfahrungen, die für uns hilfreich sind. Sie unterstützen unseren Restrukturierungsprozess und sichern ihn ab. Wir sind jetzt ein inhabergeführtes Unternehmen.

WRP: Sie haben auch einen neuen Vorstandsvorsitzenden.

Wolfgang Binder: Ja, insgesamt hat sich das Topmanagement in den letzten Jahren kräftig verändert. Der neue CEO Anders Davidsson ist seit September 2014 im Amt. Ich selbst habe die Aufgabe als Managing Director Central Europe im September 2013 übernommen.

WRP: Was gehört zu Central Europe bei Kwintet und wie groß ist die Bedeutung für die Firma?

Wolfgang Binder: Central Europe reicht bei uns von Benelux bis Polen und im Süden bis Rumänien. Der Hauptmarkt ist Deutschland, aber die anderen Länder steuern einen wichtigen Umsatzanteil bei. Insgesamt macht die CEE-Region 95 Millionen Euro Umsatz, die Gruppe liegt bei 600 Millionen Euro.

WRP: Lassen Sie uns zum von Ihnen angesprochenen Restrukturierungsprozess kommen. Was ist die Zielrichtung?

Wolfgang Binder: Unsere Neuausrichtung beruht auf zwei Eckpfeilern, die sich das Unternehmen über viele Jahre aufgebaut hat: starke Marken und eine breite Kundenbasis. Wir wollen unsere Kernmarken wieder stärker bei den Kunden verankern und so die Rentabilität strukturell absichern.

WRP: Kwintet verfügt ja über viele Marken in ihren Märkten…

Wolfgang Binder: Ja, das historisch gewachsene Markenspektrum werden wir vereinfachen und noch besser auf verschiedene Zielgruppen abstimmen. Ein ganz wesentlicher Punkt dabei ist, dass wir die starke Marke Fristads Kansas in den Mittelpunkt rücken wollen. Deshalb wird die Firmengruppe auch umbenannt in Fristads Kansas Group. Der Firmenname Kwintet wird auslaufen und verschwinden. Die Marke Fristads Kansas wird zum Kern des Geschäfts werden.

Weiterhin sehen wir uns als Markenanbieter in der Position eines Premiumanbieters. Das heißt, wir werden nicht in den preisgetriebenen Wettbewerb einsteigen, wenn dadurch die Marke negativ beeinflusst wird.

WRP: Was wird mit Weenas, Clinic Dress, Bragard, Acode und anderen Marken der Gruppe? Einige davon sind ja auch im deutschen Sprachraum gut bekannt.

Wolfgang Binder: Die genannten Marken werden alle weitergeführt, aber wir konzentrieren sie auf klar definierte Geschäftsfelder. Fristads Kansas zielt auf mittelgroße Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe und im Handwerk. Weenas zum Beispiel ist in Norwegen stark durch die Kunden der Öl- und Gasindustrie geprägt und hat hier die Kernkompetenz. Die Marke steht für Workwear in der Schwerindustrie und wird vor allem in Skandinavien vermarktet und so weiter.

WRP: In welchen Geschäftsfeldern sind Sie beziehungsweise wollen Sie mit den Marken tätig sein? Wie sehen die Geschäftsfelder aus?

Wolfgang Binder: Wir richten die Marken auf die Anforderungen von Industrietypen aus. So steht Weenas für die Schwerindustrie, Fristads Kansas generell für Industrie und Handwerk, Clinic Dress für den Gesundheits- und Servicebereich und Bragard sowie Profi Dress für den Hotel-, Restaurant- und Cateringmarkt. Im Geschäftsfeld Promotional Wear arbeiten wir mit unseren Marken Acode und B&C.

Grundsätzlich unterscheiden wir ein B2B-Geschäft und ein B2“C“-Geschäft. Dabei steht das „C“ nicht für den privaten Konsumenten, sondern für kleine Unternehmen wie zum Beispiel Arztpraxen oder kleine Handwerksunternehmen. Clinic Dress ist beispielsweise auf das B2“C“-Geschäft im Gesundheitsmarkt ausgerichtet, während Fristads Kansas nur auf das B2B-Segment zielt.

WRP: Sie unterscheiden also nicht nur nach Branchen, sondern auch nach Größenklassen der Unternehmen, die Berufsbekleidung nachfragen.

Wolfgang Binder: „Vereinfacht gesagt“ tauschen gegen „Prinzipiell“ unterscheiden wir drei Gruppen von Unternehmen nach Größenklassen: (1) Großbetriebe wie Shell oder VW, die über 5.000 Beschäftigte haben, (2) Unternehmen mit 100 bis 5.000 Beschäftigten und (3) kleinere Unternehmen sowie Handwerksbetriebe mit 3 bis 100 Mitarbeitern. Typischerweise haben diese Unternehmen unterschiedliche Herangehensweisen statt Verhalten bei der Beschaffung von Berufsbekleidung. Das müssen wir berücksichtigen.

Die Großunternehmen haben oft sehr eigene, differenzierte Vorstellungen. Sie suchen auch häufig den direkten Kontakt zur Berufsbekleidungsindustrie. Wir beziehungsweise unsere Partner können sie in der Regel nicht mit Kollektionsware beliefern. Deshalb setzen wir hier unser Angebotskonzept „Kwintet Solutions“ ein. Das heißt, wir entwerfen Berufsbekleidung nach den Spezifikationen der Firmen und entwickeln eigene Bekleidungskonzepte für die großen Firmen. Wir können dabei auf langjährige Erfahrung und Kompetenz in Eu­ropa und der Welt zurückgreifen, sodass wir den Unternehmen sehr gute Lösungen vorschlagen können.

Die mittelgroßen Unternehmen zwischen 100 und 5.000 Mitarbeitern beliefern wir nur indirekt über unsere professionellen Partner wie technischer Handel, Textilservice, PSA-Spezialisten. Hier dominieren unsere Kollektionsangebote. Das ist das wichtigste Feld für die Marke Fristads Kansas.

Und dann haben wir noch die große Gruppe von kleineren und Kleinunternehmen mit 3 bis 100 Mitarbeitern. Hier sehen wir ein sehr unterschiedliches Nachfrageverhalten. Oft ist es von den Trägern getrieben. Modische oder funktionale Eigenschaften sind sehr wichtig und die Vorstellungen recht individuell. Hier benötigen wir neben dem Textilservice oder dem technischen Handel noch andere Vertriebswege. Insbesondere der Internethandel mit Berufsbekleidung wächst für dieses Segment gerade schnell.

WRP: Welche Rolle spielt der Textilservice für Fristads Kansas?

Karl-Heinz Janczik: Der Textilservice ist für uns ein ganz wichtiger Kundenbereich. Wir bedienen ihn in allen Branchen und vor allem für mittelgroße und große Unternehmen. Praktisch alle großen Anbieter gehören zu unseren Kunden. Für unsere Kernmarke Fristads Kansas ist dabei wichtig, dass wir sie nicht direkt anbieten, sondern nur indirekt, das heißt über die Partner im Textilleasing und im Handel.

WRP: Eine Reihe von Textilserviceanbietern arbeitet doch gar nicht so gerne mit bekannten Marken. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Karl-Heinz Janczik: Der Markt ist vielfältig. Wir machen sehr gute Erfahrungen mit Fristads Kansas im Textilservice. Zum Beispiel haben wir eine über 30-jährige Partnerschaft mit der DBL. Die DBL hat schon früh auf die Marke Kansas gesetzt und erkannt, welche Vorteile dies ihren Kunden bietet. Ich halte die Partnerschaft von DBL und Fristads Kansas für ein Erfolgsmodell. Die DBL hat der Branche gezeigt, wie eine starke Marke im Textilservice eingesetzt werden kann.

WRP: Welche Vorteile haben starke Marken im Angebot eines Textilserviceanbieters?

Wolfgang Binder: Die wichtigste Funktion ist sicher die Bindung des Kunden, seine Loyalität und sein Vertrauen zum Produkt und zum Lieferanten. Die DBL hat früh erkannt, dass auch in der Berufsbekleidung die Bindung an die Marke einen hohen Wert hat. Das funktioniert am besten mit Premiummarken wie Fristads Kansas.

Eine starke Marke führt dazu, dass sich der Arbeitnehmer freut, wenn er morgens seine Berufsbekleidung aus dem Spind holt: weil die Qualität gut ist, weil sie gut funktioniert und einfach passt. Die emotionale Aufladung der Berufsbekleidung bekommt eine gute Marke hin. Und wir bieten gute Marken an. Das ist unser Weg. Marke über alles.

WRP: Das schließt Textilserviceunternehmen, die nicht mit Produzentenmarken arbeiten möchten, aus.

Wolfgang Binder: Das mag sein. Aber wir sind ein Markenproduzent und das hat für Textilserviceanbieter auch Vorteile. Marken werden für das Gefühl der Träger wichtiger.

Karl-Heinz Janczik: Die Vorteile des Textilservice sind weiterhin die anderen Basisleistungen der Markenproduzenten. Bekleidung von Fristads Kansas hält normalerweise länger als drei Jahre, das heißt, die Qualität ist sehr gut. Der Lieferservice ist erstklassig, die Nachlieferfristen sind gut, die Wege kurz. Die DBL wird innerhalb von 48 Stunden beliefert. Und wir haben praktisch keine Reklamationen. Aber das Preis-/Leistungsverhältnis muss selbstverständlich stimmen. So hat nicht nur der Träger der Berufsbekleidung etwas von den Leistungen unserer Marke, sondern auch der Textilservice als Lieferant. Alle Seiten haben Vorteile.

WRP: Wie schnell können Artikel von Fristads Kansas geliefert werden?

Wolfgang Binder: Aus dem deutschen Lager liefern wir in 48 Stunden, und aus dem Lager in Göteborg innerhalb von 5 Tagen. Kwintet hat das Zentrallager aufgegeben und bedient sich der Dienste von Schenker in Göteborg, die die Ware direkt per UPS an die Kunden versenden. Wegen einiger Spezialartikel wie zum Beispiel im Reinraumbereich, liegen wir im Lieferservicegrad durchschnittlich bei „nur“ 95 Prozent.

WRP: Herr Janczik, Sie sagten, dass die Textilserviceunternehmen sehr wichtige Partner für Fristads Kansas sind. Sie liefern die Marke auch über andere Kanäle?

Karl-Heinz Janczik: Die Marke geht vor allem über unsere Kunden in den Bereichen Leasing und Laundry, technischer Handel, Versender und PSA-Spezialisten. Wir verkaufen Fristads Kansas nicht direkt an die Kunden unserer Kunden. Der Leasingbereich hat einen Anteil von etwa 30 Prozent in Deutschland, in Central Europe sind es etwa 20 Prozent. Und wir wachsen mit Fristads Kansas im Leasingbereich schneller als der Berufsbekleidungsmarkt insgesamt und auch schneller als der Textilservice.

Wolfgang Binder: Wir werden bei Fristads Kansas das PSA-Angebot weiter stärken. Gerade haben wir unser Sortiment um eine umfassende Warnschutzlinie erweitert, welche die Anforderungen der Industriewäsche zur Gänze erfüllt. Das wird das Wachstum weiter stärken.

WRP: Sie wollen die Marke fördern. Wie machen Sie das?

Wolfgang Binder: Lassen Sie mich noch einmal betonen, dass wir im Textilservice generell als Markenanbieter auftreten. Ausnehmen muss ich hier allerdings, wenn wir mit einem Textilserviceanbieter zusammen Großkunden über unsere Kwintet Solutions bedienen.

Über die Lieferperformance als Teil der Marke haben wir bereits gesprochen. Der Träger soll seine Fristads Kansas-Bekleidung über das Serviceunternehmen in kürzester Zeit bekommen können. Und dann ist das Produkt selbst Kern der Markenleistung. Ich knüpfe an die genannten neuen Warnschutzartikel an. Das sind Artikel, die wir nicht mit Funktionen und Details überfrachtet, sondern sachlich und bodenständig gehalten haben. Die Qualität ist auf höchstem Niveau. So werden lange Standzeiten realisiert. Der Stoff ist Luminex 310 von Klopmann, das Reflexmaterial von 3M, unter dem Reflexstreifen sind noch 13 Zentimeter Hose, so dass gut gekürzt werden kann, ohne die Norm zu verletzen. Die Nadelverarbeitung erfolgt mit einer 3-Nadel Kappnaht. Das ist ein Qualitätsmerkmal in der Branche und alter bewährter Kansas Standard. Es ist ein gutes Beispiel für unsere Markenqualität. Das ist sowohl für unseren Kunden im Mietservice als auch für die Träger interessant.

Unsere Produktentwicklung wird nahe am Kunden gemacht, damit das Produkt hervorragend funktioniert und akzeptiert wird. Das ist der Kern der Markenpolitik wie die Lieferperformance. Wir sehen Fristads Kansas als Premiummarke und entsprechend schärfen wir die Markenführung.

WRP: Sie sagten, dass Berufsbekleidung mehr mit Emotion und Mode zu tun hat als früher. Wie wird das bei Ihnen reflektiert?

Wolfgang Binder: Das kann man sehr gut bei unserer Marke Clinic Dress sehen, die für das B2“C“-Geschäft steht. Hier machen wir alle sechs Wochen einen neuen Katalog. Wir haben etwa 1.000 Artikel im Programm und tauschen davon circa 30 Prozent permanent aus. Diese Frequenz für neue Verkaufsanstöße durch neue Produkte ist in der Branche einmalig. Der modische Gehalt dieses Programms ist dadurch viel höher als bei üblichen Berufsbekleidungskollektionen. Dieses Mehr an Mode und Details geht stark auf die Vorlieben der Träger ein.

Verbunden ist diese dauernde Produktoffensive mit genau abgestimmten Werbemaßnahmen. Dabei wird auch stark auf e-Marketing gesetzt. Das heißt, wir werten die Bestellungen und Kontakte in unserer Kundenbasis aus, bilden kleine und kleinste Kundencluster und versenden wöchentliche e-Marketing-Anstöße. Diese Ansprachen sind sehr differenziert. Wir nutzen Algorythmen, um den Kunden Anstöße zu senden, die sie aufgrund unserer Daten interessieren müssten. Da bekommt nicht jeder Kunde das gleiche Angebot. Auch damit binden wir Kunden und bauen Kundenbeziehungen auch emotional auf.

WRP: Und bei Profi Dress läuft das genauso?

Wolfgang Binder: Profi Dress zielt auf die Gastronomie und Services. Die Produktentwicklung ist nicht ganz so modisch ausgerichtet, aber das Marketing- und Vertriebsmodell ist wie bei Clinic Dress. Es ist aber noch ein kleines Pflänzchen, das wachsen soll.

WRP: Clinic Dress steht für ein ganz anderes Geschäftsmodell als es der Textilservice pflegt.

Wolfgang Binder: Im Grunde ist das ein ganz normales professionelles Direktmarketing-Geschäft. Da konkurrieren wir mit Engelbert Strauss oder ähnlichen Anbietern und nicht mit dem Textilservice. Aber wir sind hier so nah am Kunden und am Träger von Berufsbekleidung wie in keinem anderen Geschäftsmodell. Wenn es um Emotion in der Berufsbekleidung geht, dann wird in diesem Geschäftsmodell eine sehr große Nähe realisiert.
Zum Geschäftsmodell gehört bei uns auch, dass Geschwindigkeit vor Losgröße geht. Wir haben die Produktion zurückverlagert von Asien nach Europa beziehungsweise in den Maghreb. Die ganze Produktionsphilosophie ist eine andere als bei der Mengenproduktion. Das Marketing- und Vertriebsmodell von Clinic Dress kann nicht mit dem Produktionskonzept von Großaufträgen realisiert werden.

WRP: Clinic Dress und Profi Dress sind nichts für den Textilservice?

Wolfgang Binder: Das wäre ein Missverständnis. Wir gehen für eine große Anzahl von Produkten von Clinic Dress und Profi Dress eine mehrjährige Nachlieferverpflichtung ein. Insofern kann auch der Textilservice und seine Kunden mit diesen Angeboten arbeiten. Das kann vor allem für kleinere und mittlere Textilservicefirmen sehr interessant sein.

WRP: Das Geschäftsmodell hört sich nach höheren Produktionskosten pro Teil an. Ist das am Markt durchsetzbar und rentabel?

Wolfgang Binder: Clinic Dress ist wieder positiv im operativen Ergebnis und wächst zweistellig. Wir sind auf dem richtigen Weg und werden das mit unseren Marketing- und Vertriebsmaßnahmen weiter stützen. Wir nehmen wahr, dass auch mittelgroße Unternehmen wie zum Beispiel Bäckerei-Ketten, größere Fleischerei-Betriebe oder kleine Altenheim-Ketten an den Produkten von Profi Dress und Clinic Dress interessiert sind. Dieses Segment werden wir weiter fördern. Da setzen wir gezielt Außendienstmitarbeiter ein.

Karl-Heinz Janczik: Um noch einmal auf die emotionale Bedeutung der Berufsbekleidung zurückzukommen, möchte ich noch ergänzen, dass das auch bei Leasingunternehmen inzwischen eine stärkere Rolle spielt und spielen muss. Auch bei größeren Unternehmen ist gegen den Betriebsrat – sozusagen als Vertreter der Träger und Trägerinnen – in Bekleidungsfragen nur schwer etwas umsetzbar. Wir sehen die stärkere Beachtung des Trägergeschmacks und der Mode auch daran, dass die Leasingunternehmen bei den zeitlichen Nachlieferungsansprüchen heruntergehen. Auch in Ausschreibungen ist das zu beobachten.

WRP: Kunden- beziehungsweise Trägernähe hat ja auch etwas mit Regionalität von Produkten und Sortimenten zu tun. Das ist in Europa ja nicht überall gleich. Wie funktioniert das im internationalen Großunternehmen Kwintet?

Wolfgang Binder: Die Produktentwicklung erfolgt markenbezogen in Schweden. Jede Marke hat ein eigenes Entwicklungsteam. Das von Clinic Dress ist in Deutschland, das von Fristads Kansasin Boras ansässig. Der regionale Aspekt wird eingebracht durch Produktmanager in den Regionen. Alle Länder mit einem gewissen Umsatzaufkommen haben einen Produktmanager. Die Aufgabe der Produktmanager ist es, den Markt und den Wettbewerb in den jeweiligen Märkten zu beobachten, mit Kunden zu sprechen und Entwicklungsideen aus den Märkten beizusteuern. Das war früher nicht ausgeprägt, ist aber in den letzten eineinhalb Jahren ein fast selbstverständlicher Prozess geworden.

Karl-Heinz Janczik: Der regionale Einfluss über die Produktmanager ist von fundamentaler Bedeutung. Ohne den würden wir nicht klar kommen, weil der deutsche Markt speziell tickt. Beispielsweise ist der deutsche Leasingmarkt sehr viel stärker an hoher Qualität interessiert als die anderen Leasingmärkte in Europa. Das müssen wir bei der Produktentwicklung berücksichtigen, wenn wir hier marktkonforme Qualität liefern wollen. So sind die eben besprochenen Warnschutzartikel speziell auf die Anforderungen des deutschen Marktes und der deutschen Leasinganbieter zugeschnitten. Da gibt es momentan aus unserer Sicht nichts besseres. Ein anderes Beispiel ist die Sortimentszusammenstellung. In Deutschland spielen Latzhosen immer noch eine große Rolle, auch untersetzte Größen und die Langgrößen. Das wird in den anderen Ländern nicht gepflegt. Auch die Einschätzung, welche Produkte leasingfähig sind und welche nicht, ist in Skandinavien, England oder Österreich anders als in Deutschland. Deutschland ist da klar schärfer.

Ich möchte herausstreichen, dass wir Segmente wie Warnschutz oder Multinorm schon lange im Angebot haben. Aber wir sind jetzt dabei, sie unter dem Aspekt der Leasingfähigkeit in Deutschland neu aufzusetzen. Das ist ein Prozess und wir fangen mit dem Warnschutz und zur A+A mit Multinorm-Artikeln an. Da kommt aber noch mehr, was für den deutschen Textilleasingmarkt spezifiziert wird.

WRP: Wie erfolgt die Produktionssteuerung beziehungsweise das Sourcing?

Wolfgang Binder: Die Kollektionsteams der Marken übergeben die Kollektion an die Planungszentren der Marken. Das heißt, die Marken haben diese Prozesse bei sich. Die Planungsteams bei den Marken vergeben dann Aufträge zum Beispiel an den Betrieb von Kwintet in der Ukraine. Das ist der einzige Produktionsbetrieb, der Kwintet selbst gehört. Dort sind etwa 1.000 Mitarbeiter beschäftigt. Vor Ort werden vor allem die hochwertigeren Artikel, die zum Beispiel Gore-Laminate beinhalten, produziert. In einigen Ländern wie Deutschland, Polen, den baltischen Staaten oder Bangladesch und Hongkong unterhalten wir Büros, die die Produktionen überwachen und Zutaten beisteuern. Qualität und Liefertermine werden dadurch gesichert.

WRP: Wieviel kommt denn aus Asien?

Wolfgang Binder: Das müssen wir nach Marken getrennt betrachten. Bei Fristads Kansas kommen etwa 50 Prozent aus Asien und 50 Prozent aus Europa beziehungsweise Nordafrika. Bei Clinic Dress kommen nur zehn Prozent aus Asien und 90 Prozent aus Europa beziehungsweise Nordafrika. Und die Marke B&C, die wir für das Promotionsgeschäft einsetzen, importiert zu 100 Prozent aus Asien.

Generell haben wir das Sourcing so aufgeteilt, dass wir die Mengen für das längerfristige Basisgeschäft in bestimmte Betriebe geben, die vor allem in Asien liegen. Die Mengen für kürzere Lieferzeiten, Randgrößen oder ähnliches werden vorwiegend in europäische beziehungsweise nordafrikanische Betriebe disponiert. Ziel ist eine hohe Verfügbarkeit bei niedriger Lagerhaltung.

WRP: Vermutlich arbeiten Sie bei dem breiten Markenspektrum von Kwintet mit vielen Lieferanten zusammen.

Wolfgang Binder: Das sind gar nicht so viele. Wir haben die Lieferanten in den letzten Jahren konzentriert und diese haben sich auch spezialisiert. Jedenfalls hat uns die Aufteilung auf asiatische und europäische beziehungsweise nordafrikanische Betriebe gut getan. Wir konnten beispielsweise Preiserhöhungen, die aus Asien kamen, teilweise abfedern. Der Kursverlust des Euro ist eine betriebswirtschaftliche Katastrophe, da steigen die Kosten enorm an und wir konnten nichts dafür. Aber durch unsere flexible Beschaffungsstruktur konnten wir die Kostensteigerungen um etwa die Hälfte reduzieren.

WRP: Jetzt lassen Sie uns bitte noch über Kwintet und die Digitalisierung sprechen. Wie geht die bei Ihnen voran?

Wolfgang Binder: Für Clinc Dress und Profi Dress haben wir das ja schon besprochen. Da sind wir bezogen auf Marketing und Vertrieb gut dabei. Online ist der Kern unserer Markt- und Kundenbearbeitung. Aber wir haben auch bei allen anderen Marken B2B-Webshops, so auch für Fristads Kansas. Das ist ein Webshop für die Händler, der noch recht statisch ist.

WRP: Und wie wird der Webshop angenommen?

Wolfgang Binder: Er wird vor allem als Produktfinder genutzt. Das heißt, der Kunde orientiert sich hier über die Möglichkeiten von Fristads Kansas und über Neuigkeiten. In der Einführungsphase befindet sich gerade ein Kwintet Solutions Webshop, bei dem wir einen Schritt weiter gehen. Hier kann sich der Händler oder auch der Textilleaser für ein Kundengespräch vorbereiten und zusammenstellen, was er anbieten will. Das umschließt auch die Verfügbarkeit. Aber eine Bestellung lassen wir noch nicht zu. Wenn das bei ausreichend vielen Kunden implementiert ist, dann werden auch Bestellungen möglich sein.

WRP: Textilserviceunternehmen dürfen auch bestellen?

Karl-Heinz Janczik: Klar, sobald wir soweit sind, können auch Textilserviceunternehmen bestellen.

WRP: Abschließend sagen Sie mir bitte noch, wie die Position von Kwintet bei CSR ist.

Wolfgang Binder: Darum kümmert sich Kwintet auf verschiedenen Ebenen. Einmal sind wir Mitglied bei Fairwear und arbeiten entsprechend der Fairwear-Prinzipien. Wir haben ein Compliance-Programm für gute Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette erarbeitet und lassen das regelmäßig von der Fairwear Foundation prüfen. Das ist heute marktrelevant, wenn wir bei Kommunen anbieten. Aber auch Neukunden und auch Textilleasinganbieter fragen nach unserem CSR-Engagement. Generell richten wir unsere Nachhaltigkeitsarbeit am UN Global Compact aus. Zusätzlich legen wir bezogen auf Chemikalien unseren Lieferanten eine Liste verbotener Substanzen vor, die sich an REACH orientiert und die wir in unseren Produkten nicht haben wollen. Das müssen die Lieferanten unterschreiben und befolgen. Die Ergebnisse der FairWear Audits werden auf der Website veröffentlicht. Das schafft Transparenz und Vertrauen bei den Trägern und Kunden.

Interview aus WRP 10-2015