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Bierbaum Proenen

Nachhaltigkeit in neuer Dimension: Industriell waschbare Cradle-to-Cradle-Berufsbekleidung

Lauffenmühle hat mit „infinito“-Garnen und „reworx“-Geweben ein textiles Ausgangsmaterial geschaffen, welches die textile Welt nachhaltig verändern wird, weil es nach Nutzung rasch und risikofrei wieder dem natürlichen Rohstoffkreislauf zugeführt werden kann. Bierbaum Proenen hat auf dieser Basis im November 2013 eine industriell waschbare Bekleidungslinie auf den Markt gebracht. Wir sprachen mit den Geschäftsführern Volker Steidel von Lauffenmühle und Harald Goost von Bierbaum Proenen (BP) über diesen umwälzenden Cradle-to-Cradle-Ansatz in der Berufsbekleidung.

Harald Goost
Harald Goost studierte Sprachen-, Wirtschafts- und Kulturraumstudien an der Universität Passau. Nach dem Studium arbeitete er im Vertrieb und Marketing einer Münchener Softwarefirma und wechselte im Anschluss zu einem Verpackungsmaschinen- hersteller in Barcelona. Dort war er ebenfalls für den Vertrieb zuständig. Die Brüder Harald und Matthias Goost führen seit 2003 gemeinsam das Familienunternehmen Bierbaum-Proenen in siebter Generation. Matthias Goost verantwortet die Bereiche Beschaffung, Finanzen und IT. Harald Goost zeichnet für Vertrieb, Produktmanagement und Marketing verantwortlich.
Wir schonen Ressourcen nicht nur, sondern integrieren die abgenutzte Bekleidung, d. h. Textilien und Zutaten wieder in den Rohstoff- und Nährstoffkreislauf.
Objektkunden und Textilservice-Unternehmen fordern zunehmend überzeugende Lösungen von ihren Partnern in der textilen Kette.
WRP: Herr Steidel, Herr Goost, haben Sie das Gefühl, mit Ihren zur A+A lancierten Lösungen nach Cradle-to-Cradle-Prinzipien einen Meilenstein für die Textil- und Bekleidungsindustrie zu setzen ?

Volker Steidel: Davon bin ich überzeugt. Wir führen Nachhaltigkeit in eine neue Dimension, weil wir Ressourcen nicht nur schonen, sondern die abgenutzte Bekleidung, d. h. Textilien und Zutaten wieder in den Rohstoff- und Nährstoffkreislauf integrieren.

Harald Goost: Die Entwicklungsarbeit von Lauffenmühle ist eine Pionierleistung und ein Meilenstein. Es stehen nun leis­tungsfähige Fasern und Gewebe zur Verfügung, die nach dem Einsatz wieder dem biologischen Stoffkreislauf zugeführt werden können. Auf dieser Basis kann BP Bekleidungslösungen anbieten, die – in bisher nicht bekanntem Maße – ein ökologisches Nachhaltigkeitsversprechen einlösen.

WRP: Es gibt inzwischen auch andere Ansätze für Cradle-to-Cradle-Bekleidung …

Volker Steidel: Richtig, aber nicht für industriell waschbare Berufsbekleidung. Wir haben die Anforderungen des Textilservice im Blick gehabt und gezielt hierfür das Cradle-to-Cradle-Konzept realisiert. Das ist technisch eine ganze Stufe anspruchsvoller.

WRP: Wie waren denn die ersten Reaktionen von Textilservice-Unternehmen und ihren Kunden ?

Volker Steidel: Das Feedback war überwältigend. Uns war schon bewusst, welch revolutionäre Entwicklung wir mit diesem Projekt vorangetrieben haben. Cradle-to-Cradle-Bekleidung ist als Vision bei manchen Vordenkern zwar schon im Raum, aber wir haben es umgesetzt, und zwar für die Bedingungen der industriellen Wäscherei. Das hat richtig eingeschlagen und war eine Überraschung für viele Kunden und deren Kunden. Wir sehen bestätigt, dass es die richtige Zeit ist, um Markteinführung und Weiterentwicklung unserer leasingfähigen Cradle-to-Cradle-zertifizierten Produkte zu forcieren.

Harald Goost: BP hat das Cradle-to-Cradle-Konzept zunächst mit einer Kollektion für den Pflegebereich umgesetzt. Wir hatten hohe Erwartungen, und diese wurden übertroffen. Es hat uns überrascht, wie sehr unsere Kunden bei dem Thema Nachhaltigkeit bereits sensibilisiert sind.

WRP: Was spricht die Interessenten besonders an ?

Volker Steidel: Unsere Cradle-to-Cradle-Produkte landen nach ihrer Nutzung nicht im Abfall bzw. müssen nicht entsorgt werden, sondern sind kompostierbar und die Basis für neues Leben und neue Rohstoffe. Wir können einen unendlichen Ressourcenkreislauf realisieren. Die Möglichkeit, das abgenutzte Material so in den biologischen Kreislauf zurückzuführen, dass daraus ohne schädliche Nebenwirkungen wieder der Grundstoff für neues Leben und damit für neue Materialien geschaffen wird, das fasziniert. Oft sind die Interessenten handlungsstarke Entscheidungsträger, die nicht nur reden, sondern ihre Firma zukunftsfähig gestalten wollen – nicht zuletzt zum Wohle der nachfolgenden Generationen.

Harald Goost: Das Thema Nachhaltigkeit ist in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Vor allem in der Schweiz und in Holland ist der Markt bei diesem Thema gut entwickelt. Deutschland befindet sich nach unserer Einschätzung im Mittelfeld, das Tempo hat sich in letzter Zeit aber deutlich erhöht. Es zeichnet sich ab, dass sich das Nachfrageverhalten verändert. Daher fordern Objektkunden und Textilservice-Unternehmen zunehmend überzeugende Lösungen von ihren Partnern in der textilen Kette. Der hohe Anspruch von Cradle to Cradle beeindruckt: neben der biologischen Abbaubarkeit aller Materialien wird bei Cradle to Cradle auch der Energieeinsatz in der textilen Fertigungskette berücksichtigt, ebenso wie das Carbon-Management, der verantwortungsvolle Umgang mit Wasser und die soziale Fairness in der Produktion. Nachhaltigkeit bekommt hier eine ganz neue Dimension.

WRP: Worin liegt die entscheidende neue Qualität Ihrer Innovation ?

Volker Steidel: Der wirklich bahnbrechende Aspekt unserer Systemlösung liegt darin, dass wir mit unserem „infinito“-Garn und dem „reworx“-Gewebe das Cradle-to-Cradle-Prinzip und industrielle Waschbarkeit erstmals miteinander verbinden können. Das war eine große Herausforderung, und wir sind stolz, dies erfolgreich gemeistert zu haben.

Harald Goost: Wir bieten mit „BP Bio Cycle“ ein speziell für den textilen Dienstleister entwickeltes Berufsbekleidungskonzept, das umfassende soziale und ökologische Aspekte vereint. Dieses ist so bislang einzigartig. Darüber hinaus werden Trageeigenschaften erzielt, die denen herkömmlicher BP-Kollektionen aus dem bereits etablierten Lauffenmühle-Erfolgsgewebe „Comfortec“ entsprechen.

WRP: Mal ganz von vorn angefangen: Wie kam es zu der Innovationswelle von „infinito“-Garnen über „reworx“- Textilien bis hin zur „BP Bio Cycle“-Bekleidung ?

Volker Steidel: Mit der Konzentration auf industriell waschbare Gewebe für Berufsbekleidung ist es für Lauffenmühle essenziell wichtig, dass wir langlebige Textilien produzieren. Über die Langlebigkeit hinausgehend, engagiert sich Lauffenmühle schon lange für nachhaltige Lösungen in der Produktion und bei den textilen Produkten. Wir arbeiten nach den bluesign-Standards, die heute sicher zu den anspruchsvollsten und umfassendsten ökologischen Standards in der textilen Kette zählen. Aber das war mir nicht genug. Ich war insgesamt nicht zufrieden mit den textilen Lösungen für nachhaltige Produkte. Ressourcen schonen, weniger Energie und Wasser verbrauchen, das resultiert in Schadensbegrenzung, bietet aber noch keine wirklich umfassende Lösung. Mit „infinito“ habe ich etwas gefunden, was dem biologischen Stoffkreislauf das Entnommene risikofrei und schnell zurückgibt. Das ist eine neue Ära. Aber dieses Ausgangsmaterial muss durch viele Stufen der textilen Wertschöpfungskette prozessiert werden, ehe es z. B. als Berufsbekleidung getragen wird.

WRP: Lauffenmühle ist zwar eines der wenigen vollstufigen Textilunternehmen in Deutschland, aber die Bekleidungsfertigung fehlt …

Volker Steidel: Richtig, wir haben die drei Prozessstufen Spinnerei, Weberei und Veredlung. Als Textilunternehmen sind wir also vollstufig, aber die Bekleidung konfektionieren wir nicht. Der ganzheitliche Cradle-to-Cradle-Ansatz ist jedoch nur in enger Kooperation mit Partnern über die textile Kette hinweg zu entwickeln und vor allem umzusetzen.

WRP: Wie ist die Kooperation gerade zwischen Bierbaum Proenen und Lauffenmühle entstanden ?

Volker Steidel: Wir haben BP eingeladen, unser Partner in diesem Projekt zu sein, weil mit BP seit vielen Jahren und auf mehreren Ebenen intensive und vertrauensvolle Beziehungen bestehen. Es ist bei Weitem nicht das erste Projekt, welches wir miteinander machen. Ganz wichtig ist dabei für uns, dass die ökologisch-sozialen Werthaltungen bei BP und Lauffenmühle grundsätzlich übereinstimmen. Außerdem hat BP eine sehr gute Position im Berufsbekleidungsmarkt, die vorteilhaft für unser gemeinsames Projekt ist. Es hat also alles gepasst. Insbesondere das Vertrauensverhältnis stimmt, das ist für so ein grundlegendes Projekt natürlich besonders wichtig. Für uns ist BP der ideale Partner, um das Cradle-to-Cradle-Konzept in der Berufsbekleidung einzuführen.

Harald Goost: Ja, BP und Lauffenmühle verbindet seit vielen Jahren eine sehr gute Zusammenarbeit. Die hohe Innovationskraft von Lauffenmühle ist für uns sehr wichtig. Und dann das Projekt selbst: Das Cradle-to-Cradle-Prinzip ist ein faszinierend konsequenter ökologischer Ansatz. Es hat die Projektteams in beiden Unternehmen mitgerissen. Alle waren hoch motiviert, das schmiedet zusammen.

WRP: Herr Goost, was ist neu für die Konfektion, und wie wird insbesondere das Problem der Zutaten gelöst ?

Harald Goost: Ganz konkret bedeutet dies: Welche Knöpfe, welche Reißverschlüsse oder Einlagen und weiteres Zubehör, das dem Cradle-to-Cradle-Prinzip entspricht, können wir einsetzen ? Bei so hohen Ansprüchen kann schon eine relativ einfache Zutat wie das Nähgarn eine Herausforderung werden. Hier waren viel Entwicklungsarbeit von Lauffenmühle und viele Tests von BP erforderlich, um dies umzusetzen. Und manches bleibt noch eine Herausforderung. So werden bei der von uns entwickelten Kollektion „BP Bio Cycle“ noch keine Knöpfe verwendet – hier arbeitet Lauffenmühle noch an Lösungen, die dem Cradle-to-Cradle-Prinzip entsprechen, denn auch die Zutaten spielen eine wichtige Rolle.

WRP: Wir haben verstanden, dass das innovative „infinito“-Material von Lauffenmühle die Grundlage ihrer Cradle-to-Cradle-Produkte ist. „infinito“ ist eine erdölbasierte Chemiefaser, was ist der Unterschied zu Polyester ?

Volker Steidel: „infinito“ ist ein erdölbasiertes Polymer, welches biologisch abbaubar ist und zugleich die anspruchsvollen technischen Eigenschaften von z. B. PET, PE, PP oder – im Textilbereich bisher üblich – PES erfüllt. Das konnte bislang mit anderen biologisch abbaubaren Kunststoffen nicht erreicht werden. Polyester ist hingegen nicht biologisch abbaubar und muss in technischen Kreisläufen geführt werden.

WRP: Wie sieht denn der Unterschied in den Halbwertzeiten aus ? Wie viel schneller zersetzt sich „infinito“, verglichen mit Polyester ?

Volker Steidel: Wie alle verfügbaren biologisch abbaubare Polymere muss auch „infinito“ in einem industriellen Umfeld kompostiert werden, da spezielle Rahmenbedingungen erforderlich sind. So beginnt beispielsweise der Zersetzungsprozess erst bei 60 °C und innerhalb eines idealen Mediums von Mikroben und Feuchtigkeit. Unter diesen geregelten Bedingungen baut sich „infinito“ innerhalb von 400 Tagen vollständig ab. Polyester hingegen ist an und für sich nicht biologisch abbaubar, denn es kann von Mikroorganismen nicht verwertet werden. Leider ist dies beispielsweise an den riesigen Mengen Abfall von PET-Flaschen im Meer sehr leicht erkennbar.

WRP: Was genau heißt Kompostierbarkeit im Cradle-to-­Cradle-Konzept ?

Volker Steidel: Kompostierbarkeit bedeutet, dass alle verarbeiteten Materialien – dies schließt Hilfs- und Betriebsstoffe wie beispielsweise chemische Farbstoffe mit ein – sicher sind für eine biologische Kreislaufführung. Zur Verdeutlichung ein Beispiel: Die Abfälle des einen Organismus, z. B. abfallende Blütenblätter eines Baums, sind die Nahrung für einen anderen Organismus wie z. B. Mikroben, die wiederum Nährstoffe für Bäume produzieren. Diesen Kreislauf realisieren wir nun mit Bekleidung.

WRP: Das Standard-Mischgewebe der leasingfähigen Berufsbekleidung erfreut sich gerade unter den Gesichtspunkten der Pflegefähigkeit und der Haltbarkeit großer Beliebtheit. Wie sieht das mit „reworx“-Geweben im Vergleich aus ?

Volker Steidel: „reworx“ ist besser als ein Standardgewebe. „reworx“ stellt eine neue Gewebegeneration dar. Alle Anforderungen an Haltbarkeit und Pflegefähigkeit, die z. B. von den Textilservice-Anbietern gefordert werden, werden erfüllt. Die technische Performance hinsichtlich Farbechtheit nach vielen Wäschen, Reißfestigkeit, Pilling etc. ist exzellent. Aber „reworx“ kann mehr. Es ist ein Mischgewebe, bestehend aus 50 % „infinito“ und 50 % Tencel von Lenzing. Die Verwendung von Tencel sorgt dafür, dass „reworx“ gegenüber Standardgeweben funktional gesehen auch ein besseres Klimamanagement bietet, weil Feuchtigkeit schneller aufgenommen und wieder abgegeben wird. Die Fasermischung bietet darüber hinaus einen sehr guten Tragekomfort. Und last but not least entspricht „reworx“ dem Cradle-to-Cradle-Prinzip. Wir haben sowohl für „infinito“-Garne wie auch für „reworx“-Gewebe das Cradle-to-Cradle-Zertifikat in Gold erhalten.

WRP: Haben Sie die „BP Bio Cycle“-Kollektion Tests in industriellen Wäschereien unterzogen ? Wie waren die Ergebnisse bezogen auf die Prüfverfahren der ISO 15797 ?

Harald Goost: Ohne Industriewäscheeignung kann es für unsere Kunden keine wirtschaftliche Lösung geben. Das war Lauffenmühle und uns von Anfang an bewusst. Deswegen war die erfolgreiche Prüfung entsprechend der ISO 15797 ein „Muss“. „BP Bio Cycle“ bietet die üblichen Vorzüge der „Comfortec“-Lösung von Lauffenmühle in der industriellen Pflege. Und bei der Trocknung gibt es zusätzliche Vorteile, weil „reworx“ schneller trocknet als Standardgewebe. Das spart Energie.

WRP: Für innovative Produkte mit Mehrwert können bzw. müssen die Erfinder und markteinführenden Unternehmen in der Regel mehr Geld verlangen. Wie sieht die Preisdifferenz aus ?

Volker Steidel: Es handelt sich um innovative Produkte, die wir gerade erst lanciert haben. Dies bedeutet natürlich, dass in der Produkteinführungsphase – vom Rohstoff beginnend über alle Prozessstufen bis hin zum fertigen Bekleidungsteil – zunächst sehr kleine Mengen hergestellt werden und die Kosten dadurch sehr viel höher sind als bei Massenprodukten. Die entstandenen Entwicklungskosten kalkulieren wir zu Beginn nicht vollständig ein, sondern legen diese auf mehrere Jahre um – bei steigenden Produktionsmengen, denn wir glauben an unser Produkt. Um dieses hervorragende Produkt erfolgreich in den Markt einführen zu können, haben wir mit unseren Partnern moderate Gewebepreise vereinbart.

Harald Goost: Es wird sich zunächst noch kein Marktpreis abbilden lassen wie bei einer normalen Mischgewebekollektion. Dies ist ein reifer Markt mit niedrigen Margen für die gesamte textile Kette. „infinito“ und „reworx“ bieten etwas völlig Neues, die Entwicklungskosten waren entsprechend hoch. Dennoch: Wir werden unseren Kunden von Anfang an einen marktgerechten Preis anbieten können. Wir setzen auf schnelles Mengenwachstum.

WRP: Wir haben gesehen, dass „infinito“ und „reworx“ mit ­Cradle to Cradle in Gold zertifiziert sind. Die „BP Bio Cycle“ Kollektion wurde mit Cradle to Cradle Silver zertifiziert. Was bedeutet dieser Unterschied genau ?

Harald Goost: Die Cradle-to-Cradle-Zertifizierung kennt fünf Kategorien: Platin, Gold, Silber, Bronze und Basic. Geprüft wird in fünf Bereichen.

Unsere „BP Bio Cycle“-Kollektion wurde auf der dritten Ebene mit dem Zertifizierungsstatus Silber bewertet. Für die Kategorie Gold müssen wir bei den Zutaten noch einige Herausforderungen ­meistern, diese müssen alle ebenfalls Gold-zertifiziert sein. Auch müssen für den Gold-Status unsere Produktionsstätten noch detaillierter überprüft werden. Mit dem Zertifizierungsstatus Silber sind wir zum jetzigen Zeitpunkt sehr zufrieden, denn er zeigt, dass wir auf dem absolut richtigen Weg sind. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir mit unseren Entwicklungen gut vorankommen.

WRP: Was ändert sich mit den Cradle-to-Cradle-Produkten von „infinito“ über „reworx“ bis „BP Bio Cycle“ für den Textilservice grundlegend ?

Volker Steidel: Die Entsorgung von Berufsbekleidung am Ende der jeweiligen Produktlebenszyklen bedeutete bisher eine große Herausforderung für textile Dienstleister, sprich Leasingunternehmen. Zumeist kam thermische Entsorgung zum Einsatz – leider verbunden mit entsprechenden Materialrückständen und schädlichen CO₂-Ausstößen. Bierbaum Proenen und Lauffenmühle bieten in jedem Fall die Rücknahme aller Bekleidungsteile aus der „BP Bio Cycle Kollektion“ an, um diese einer industriellen Kompostierung zuzuführen. Dadurch werden Textilservice-Unternehmen entlastet, und wir können das Material kontrolliert wieder der Natur zuführen.

Das volle Potenzial dieses ganzheitlich integrativen Lösungsansatzes kann allerdings nur über die textile Kette hinweg genutzt werden. Entwicklungsseitig sind wir nun soweit, dass wir den Stab an unsere Geschäftspartner des Textilservice übergeben können. Für diese entsteht die Herausforderung, die entsprechend dem Cradle-to-Cradle-Prinzip nachhaltig hergestellte Berufskleidung, die selbstverständlich auch mit konventionellen Mitteln gepflegt werden könnte, so zu behandeln, dass ihre Nachhaltigkeit nicht beeinträchtigt wird.

Harald Goost: In der Praxis ist es so, dass die Produkte der „BP Bio Cycle“-Kollektion zum Zeitpunkt der Auslieferung an unsere Kunden zertifiziert sind. Das heißt beispielsweise auch, dass Gewebe und Accessoires der Bekleidung keinerlei optische Aufheller enthalten – denn diese wären entsprechend dem Cradle-to-Cradle-Prinzip ein No-Go. Es liegt nun in der Verantwortung der Nutzer – oder eben des Textilservice –, die Bekleidung auf ihrem weiteren Weg durch den Nutzungszyklus so zu behandeln, dass sie ihre nachhaltigen Eigenschaften nicht verlieren. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Es dürfen der Bekleidung also auch im Verlauf der Waschprozesse keine optischen Aufheller beigegeben werden. Dies erfordert eine gute Kommunikation über das gesamte textile Netzwerk, bis zu einem gewissen Grad auch Transparenz und vor allem die Bereitschaft, gemeinsam mit uns diesen Weg der Nachhaltigkeit zu beschreiten.

Volker Steidel: Die gute Nachricht ist, dass wir aus den bereits geführten Gesprächen mit Textilservice-Unternehmen wissen, dass dies nicht als Hindernis, sondern als positive Herausforderung betrachtet wird. Und viele Unternehmen haben ihre Prozesse bereits so eingesteuert, dass hierfür kein nennenswerter Aufwand erforderlich ist.

WRP: Ist schon getestet wie schnell sich die Bekleidung zersetzt ?

Volker Steidel: Die bisherigen Testreihen und entsprechenden Versuchsdokumentationen haben unsere Erwartungen übertroffen; sie zeigen, dass sich die Gewebe innerhalb von ca. 400 Tagen vollständig zersetzen. Das erfolgreiche Bestehen aller erforderlichen Tests im Rahmen der Produktentwicklung war eine der wichtigsten Voraussetzungen, um für „infinito“-Garne und „reworx“-Gewebe den Zertifizierungsstatus Cradle to Cradle Certified Gold zu erlangen.

WRP: Wie können wir uns die Rücknahme-Logistik praktisch vorstellen ?

Harald Goost: Die Rücknahme der Textilien liegt bei BP und Lauffenmühle. Wir fangen mit der „BP Bio Cycle“-Kollektion für den Pflegesektor an, weil die Bekleidung aus den Krankenhäusern an die Textilleasingunternehmen und Krankenhauswäschereien zurückgehen, welche die Teile dann an uns weiterleiten können. Lauffenmühle arbeitet eng mit geeigneten industriellen Kompostieranlagen zusammen. Für alle anderen Käufer wird derzeit das Rücknahmekonzept im Detail erarbeitet.

WRP: Herr Goost, wie ordnen Sie die „BP Bio Cycle“-Kollektion für sich und Ihr Unternehmen ein ?

Harald Goost: „BP Bio Cycle“ fügt sich organisch in unsere Med&Care-Kollektion ein. Sie lehnt sich an unsere stärksten Standardmodelle an – im Schnitt und bei der Farbe: Wir bieten sie in Weiß, Hellblau, Hellgrün und Lila an. Im Austausch mit unseren Kunden wird sich die Kollektion weiterentwickeln. Wir denken, dass wir rasch weitere Formen und Farben anbieten werden.

WRP: Herr Steidel, haben Sie manchmal gedacht, dass es nicht zu schaffen ist ?

Volker Steidel: Ich wollte es unbedingt. Ein besonderes Problem war, unsere Entwicklung diskret zu behandeln und nicht vorzeitig Teilergebnisse in der Branche herumschwirren zu lassen. Auch hier hat die Zusammenarbeit mit Bierbaum Proenen sehr gut und vertrauensvoll geklappt.

WRP: Herr Steidel, was bedeutet die Realisierung des Cradle-to-Cradle-Ansatzes für Sie und Lauffenmühle ?

Volker Steidel: Durch dieses bahnbrechende Projekt möchte Lauffenmühle das Bewusstsein im Markt dafür schärfen, dass wir uns nicht unendlich aus der Natur bedienen können, um nach Ablauf der Produktlebenszyklen Abfälle zurückzugeben, die unserer Umwelt großen Schaden zufügen. Als Innovationstreiber der Branche sehen wir die Möglichkeit, dem Markt Produkte zur Verfügung zu stellen, die nach ihrer Nutzung ohne schädliche Rückstände wieder in den biologischen Kreislauf zurückgeführt werden können. Ökonomisch betrachtet bedeutet dies für uns zum jetzigen Zeitpunkt auch, dass wir hiermit in eine Markt- und Nachfragelücke stoßen, denn wir bieten Gewebe mit den genannten Eigenschaften, die sich darüber hinaus aufgrund ihrer exzellenten technischen Performance zur Herstellung von industriell waschbarer Berufsbekleidung eignen.

WRP: Mit „infinito“ könnten Sie auch in ganz anderen Bereichen als in der Berufsbekleidung arbeiten. Berufsbekleidung wäre dann ja eher ein kleiner Anwendungsbereich für Ihre Grundinnovation. Gibt es da schon Pläne ?

Volker Steidel: Es laufen mehrere vielversprechende Verhandlungen mit potenziellen Geschäftspartnern der Textilbranche, sowohl innerhalb des Workwear-Bereiches für weitere Einsatzbereiche wie auch darüber hinaus. Der Einsatz des neuartigen „infinito“-Fasermaterials eröffnet tatsächlich vielfältigste Perspektiven. Wir bitten hierbei um Verständnis, dass konkrete Projekte noch nicht publiziert werden dürfen, da wir uns in der Entwicklungsphase befinden und mit den Geschäftspartnern entsprechende Geheimhaltungsvereinbarungen getroffen wurden.

WRP: Vielen Dank für das Gespräch. Wir sind gespannt auf die weitere Entwicklung.


Bierbaum Proenen GmbH & Co. KG


Der Bekleidungshersteller Bierbaum Proenen bietet dem Textilservice ein breites, innovatives Programm an Berufs- und Schutzkleidung (PSA). Mit der Marke BP wendet sich der Anbieter an Industrie, Handwerk, Gesundheitswesen, Lebensmittelindustrie und Gastronomie. Das Familienunternehmen besteht seit über 225 Jahren und wird in siebter ­Generation geführt. Die Exportquote beträgt 25 %. Die wichtigsten Exportmärkte sind Frankreich, Benelux, Schweiz und Österreich.

Vor dem Hintergrund der internationalen Beschaffungsstruktur – BP produziert in Nordafrika, Osteuropa und Asien – stehen im Sinne der Nachhaltigkeit für BP vor allem faire Arbeitsbedingungen im Vordergrund. Durch die Mitgliedschaft bei der Fair Wear Foundation (FWF) hat sich BP als erster deutscher Berufsbekleidungshersteller zur Einhaltung des Verhaltenskodex verpflichtet, der unter anderem jegliche Form von Kinderarbeit und Diskriminierung untersagt. Weitere Kriterien sind z. B. faire Löhne, soziale Absicherung sowie Sicherheit am Arbeitsplatz. Mit der jüngsten Entwicklung, der Cradle-to-Cradle-Kollektion „BP Bio Cycle“, formuliert der Hersteller nun sein Selbstverständnis von ökologischer Nachhaltigkeit neu.

Übersicht:
- Markenname: BP
- gegründet 1788 in Köln
- Familienunternehmen in siebter Generation
- Geschäftsführung: Harald Goost, Matthias Goost
- Sitz der Unternehmenszentrale: Köln
- Eigene Produktionsstätte in Tunesien
- Produktionspartner in Osteuropa, China, Pakistan, Vietnam
- Insgesamt ca. 370 Beschäftigte, davon ca. 110 in Köln und 260 in Tunesien
- Produktangebot: Persönliche Schutzausrüstung (PSA) und Berufskleidung für Industrie, Handwerk, Gesundheitswesen, Gastronomie.

Ökologische und soziale Verantwortung / Fair Wear:
- BP ist seit 2010 Mitglied der Fair Wear Foundation. BP war das erste deutsche Berufskleidungs-Unternehmen, das der Foundation beigetreten ist.
- Die Fair Wear Foundation verfolgt acht Prinzipien:
- Freiwillige Arbeitsverhältnisse, keine Zwangsarbeit
- Vereinigungsfreiheit und Recht auf Kollektivverhandlungen
- Diskriminierungsverbot
- Verbot von Kinderarbeit in jeder Form
- Zahlung existenzsichernder Löhne
- Angemessene Arbeitszeiten
- Sichere und hygienische Arbeitsbedingungen
- Rechtsverbindliche Arbeitsverhältnisse.
- BP hat nach seinem Beitritt zur Fair Wear Foundation innerhalb von
2 Jahren 90 Prozent seiner Produktionsstätten begutachten und zertifizieren lassen. Von der Fair Wear Foundation wird jährlich ein Audit-Bericht und ein Korrekturplan erstellt, der dazu dient, Verbesserungsmöglichkeiten auszuschöpfen. Dieser Bericht wird für jeden einsehbar im Internet veröffentlicht (www.fairwear.org).

Interview aus WRP 02-2014